Die Käferfauna der Sächsischen Schweiz wurde bisher diskontinuierlich erforscht. Von 1970 bis 1990 haben vor allem Dr. Rüdiger Krause und Helmut Nüssler in der Sächsischen Schweiz Käfer erfasst und Beiträge zur Käferfauna veröffentlicht, ersterer beispielsweise über Lauf-, Blatt- und Rüsselkäfer und zuletzt Genannter u.a. über die Bockkäfer (siehe Literaturverzeichnis). Außerdem gibt es ein paar Publikationen weiterer Koleopterologen über die Käferartengruppen, auf die sie sich spezialisiert haben/ hatten, z.B. Jäger (1995), Jäger (2014), Witsack (1978) u.a. Der Autor dieses Beitrages führte von 2005 bis 2007 im Auftrag des Nationalpark Sächsische Schweiz stichprobenartige Erfassungen zur xylobionten Käferfauna auf 14 ausgewählten Waldflächen durch, wobei in den drei Jahren insgesamt etwa 800 Käferarten nachgewiesen werden konnten. Darunter waren 410 xylobionte Käferarten, wobei nach damaligem Kenntnisstand mehrere Neu- und Wiederfunde für die Käferfauna Sachsen registriert wurden, beispielsweise die Glanzkäferart Ipidia binotata, die Schwammkäferarten Cis quadridens und Hadreule elongatum und die Rüsselkäferart Magdalis rufa sowie die Kurzflüglerart Oxyporus maxillosus, der Wollhaarkäfer Trichoceble memnonia, der Rindenkäfer Rhizophagus grandis und die Pochkäferart Anobium emarginatum. Wie sich ein paar Jahre später herausstellte, gelang mit der Pflanzenkäferart Hymenophorus doublieri sogar ein Erstnachweis für die Käferfauna Deutschlands (https://www.lorenzjoerg.de/blog/hymenophorus_doublieri). Im Herbst 2017 und Frühjahr/Sommer 2018 erfolgten dann auf vier weiteren Waldstandorten Untersuchungen zur xylobionten Käferfauna, wobei 28 „neue“ Arten gefunden wurden, d.h. diese wurden bei der vorhergehenden dreijährigen Untersuchung nicht nachgewiesen. Zusammen mit weiteren gelegentlichen Beobachtungen und beispielsweise Auswertungen der Beifänge von Borkenkäfer-Pheromonfallen-Untersuchungen sind somit insgesamt aktuell 450 xylobionte Käferarten aus der Sächsischen Schweiz bekannt, was bezogen auf diese Käfergruppe etwa die Hälfte der Fauna Sachsens entspricht. Im Rahmen des aktuellen Projekts soll die faunistische Inventarisierung der Käferfauna der Sächsischen Schweiz fortgesetzt werden, wobei mit der Hinzuziehung einer Waldbrandfläche ein ganz besonderer Lebensraum in den Fokus rücken soll. Die Ergebnisse von 2023 wurden im 36. Beitrag dieses Blogs vorgestellt.
Auf vier unterschiedlichen Waldflächen fanden die Erfassungen statt: 1. Mischwaldrest bei Hohlfelds Graben (50°55'20.6"N 14°17'35.8"E) 2. Kirnitzschklamm Waldreste im Talgrund (50°53'51.4"N 14°22'35.4"E) 3. Kirnitzschklamm Kiefern-Riffwald (50°53'53.0"N 14°22'28.2"E) 4. Waldbrandfläche westlich Richterschlüchte (50°53'49.2"N 14°16'27.9"E) Die Koordinaten beziehen sich auf die Standorte der Bäume, in denen die Lufteklektoren hingen. Alle weiteren Erfassungsmethoden erfolgten im Umkreis von mehreren hundert Metern. Aus Abb. 37_01 ist die ungefähre Lage der Flächen sichtbar und in Abb. 37_02 bis 37_05 je ein beispielhaftes Biotopbild. Die Käfererfassungen erfolgten mit Hilfe mehrerer Methoden. Von Mai bis Oktober kamen Luft-elektoren (Fensterkreuzfallen) (Abb. 37_06) zum Einsatz. Je ein Lufteklektor hing in etwa 15 m Höhe an einer für die jeweilige Fläche typischen Baumart: auf der 1. Fläche an einer frisch abgestorbenen Rot-Buche. Auf der 2. Fläche (Kirnitzschklamm - Talgrund) wurde der Lufteklektor an eine absterbende Rot-Buche in Bachnähe gehängt und auf der Fläche 3 (Kirnitzschklamm - Riffwald) an einer exponierten Alt-Kiefer mit einigen trockenen Ästen. Die 4. Fläche war wiederum die Brandfläche an den Richterschlüchten, wobei der Lufteklektor in die Krone einer abgestorbenen Lärche hing. Die Lufteklektoren wurden in der Regel alle vier Wochen geleert. Von Mai bis August ist für jeweils 2x 14 Tage mit je drei Gelbschalen auf den vier Flächen gefangen worden (Abb. 37_07). Bei den Gelbschalen handelt es sich um Kunststoffschalen, die im Pflanzenschutz zur Schaderregerüberwachung zum Einsatz kommen. Außerdem fanden alle 14 Tage Handfänge (Kescher, Klopfschirm, Klopfschale, Streifsack, Beobachtung, Blütenabsuche usw.) statt, sowie ein Lichtfang je Untersuchungsfläche (Abb. 37_08). Ein zusätzlicher Lufteklektor kam auf Fläche 1 (bei Hohlfelds Graben) zum Einsatz, der in eine Alt-Tanne in 20 m Höhe gehängt wurde (50°55'27.3"N 14°17'24.3"E); (siehe Abb. 37_01, grüne Markierung).
Abb. 37_01: Lage der vier Hauptuntersuchungsflächen (gelbe Markierung) sowie des zusätzlich an einer Weißtanne gehängten Lufteklektors (grüne Markierung).
Abb. 37_02: Untersuchungsfläche Nr. 1: Mischwald bei Hohlfelds Graben.
Abb. 37_03: Untersuchungsfläche Nr. 2: Kirnitzschklamm Talgrund
Abb. 37_04: Untersuchungsfläche Nr. 3: Kirnitzschklamm Kiefern-Riffwald
Abb. 37_05: Untersuchungsfläche Nr. 4: Waldbrandfläche westlich Richterschlüchte
Abb. 37_06: Beispiel für Fensterkreuzfallenerfassung an einer abgestorbenen Kiefer auf der Waldbrandfläche. (Foto: R. Gutzeit)
Abb. 37_07: Beispiel für Gelbschalenerfassung auf der Waldbrandfläche. (Foto: R. Gutzeit)
Abb. 37-08: Beispiel für die drei Lichtfangmethoden: 1. „Klassischer Lichtfang“ mit 160 W-Mischlichtleuchte an weißem Tuch. Als zweite Lichtfangmethode kam ein sogenannter Leuchtturm zum Einsatz, der möglichst abseits von obiger Lichtquelle aber dennoch in der Nähe aufgebaut wurde. Als Lichtquelle dienen zwei akkubetriebene Leuchtstoffröhren, (15 W Schwarzlicht + 15 W superaktinisch). Als dritte Lichtfangmethode wurde eine mit „Ento-LED“ bestückte Fensterkreuzfalle installiert, die abseits der obigen Lichtquellen während des Lichtfanges, d.h. für ca. 3 bis 4 Stunden in die Krone eines Baumes gehängt wurde. Es kam eine powerbankbetriebene LED-Einheit (1,1 W) zum Einsatz. (Fotos: R. Gutzeit). Außerdem wurden Totholz, die Vegetation und der Waldboden mit Stirn- und Taschenlampe abgeleuchtet.
Zusätzlich wurde eine weitere Erfassungsmethode getestet: der Autokescher (Abb. 37_09). Eine nicht unerhebliche Zahl an Käferarten lebt normalerweise versteckt am und im Boden bzw. in der Vegetation und schwärmt zu bestimmten Zeiten v.a. entlang linearer Strukturen. Insofern sind bachbegleitende Wege, Schneisen usw. gut geeignet, um das sogenannte „Luftplankton“ zu erfassen. Es wurde eine leichte und schnell aufbaubare Konstruktion aus biegbarem Kunststoffrohr entwickelt, dass mit feinem Gazestoff bespannt ist und dessen „Fangbeutel“ ebenfalls schnell gewechselt werden kann. Der erste Einsatz erfolgte am 06.06.2024 auf dem Waldweg Kirnitzschtalstraße vom Abzweig der Hauptstraße nach Hinterhermsdorf bis zum Grenzübergang Hinterdittersbach und zurück und dann nochmals am 24.06.2024.
Abb. 37_09: Ansicht des selbst konstruierten Autokeschers (Fotos: R. Gutzeit)
Alle Arten, die zweifelsfrei im Gelände identifiziert werden konnten, wurden notiert und wieder freigelassen. Das Fangmaterial aus den Fallen wurde im Labor mit Hilfe einer Lupenlampe und eines Stereomikroskops ausgelesen, wobei alle Käfer separiert und in 70%igem Alkohol konserviert und später bestimmt wurden. Zusätzlich sind alles Wildbienen und Grabwespen, Raubfliegen sowie Wanzen und Zikaden, die zufällig in die Fallen geraten sind, extra ausgelesen und ebenfalls in 70%igem Alkohol konserviert worden, um sie Spezialisten zur Verfügung zu stellen.
Insgesamt wurden 663 Käferarten erfasst, wobei ca. 5.100 Käfer bis zur Art bestimmt worden sind. Der ökologischen Gruppe der xylobionten Käfer i.w.S. können 320 Arten und damit knapp die Hälfte der gesamterfassten Käferarten zugeordnet werden. Im Vergleich zur bisherigen Artenliste nach den Untersuchungen von Lorenz 2005 bis 2007 und 2017 bis 2018 und 2023 sowie sonstigen eigenen Käfernachweisen konnten wieder mehrere Neufunde verzeichnet werden, d.h. von diesen Arten gab es bisher noch keine Fundmeldungen aus dem Nationalpark Sächsische Schweiz. Faunistisch besonders bemerkenswert sind beispielsweise der Zipfelkäfer Clanoptilus marginellus (Abb. 37_10) und der Stachelkäfer Conalia baudii (Abb. 37_11) sowie der Blattflohkäfer Chaetocnema chlorophana (Abb. 37_12). Diese drei Arten konnten erstmals in Sachsen nachgewiesen werden. Zudem gibt es von den beiden zuletzt genannten Arten erst wenige Fundmeldungen aus ganz Deutschland, sodass dies auch überregional von Bedeutung ist. Die nachfolgenden Fundmeldungskarten stammen aus dem überwiegend ehrenamtlich betriebenen Portal „www.coleoweb.de“. Für das Mitteilen und aktualisieren von Funddaten gibt es für jedes Bundesland mindestens einen Verantwortlichen. Dieser ist auf die Übermittlung von Funddaten der aktiven Entomologen angewiesen und benötigt entsprechende Freizeit, um unentgeltlich den Datenbestand einzupflegen. Da dies nicht immer sofort erfolgt, sind auch die Fundpunktkarten nicht immer auf dem aktuellen Stand. Sie spiegeln aber in den meisten Fällen recht gut die Verbreitungssituation wider. Die Diskrepanz bezüglich Aktualisierungen ist aus den Abbildungen manchmal ersichtlich, wenn beispielsweise noch keine blauen Quadrate zu sehen sind, hier aber die aktuellen Neu- bzw. Wiederfunde für die sächsische bzw. oberlausitzer Käferfauna mitgeteilt werden.

Abb. 37_10: Die zur Gruppe der Weichkäfer zählende Malachidenkäferart Clanoptilus marginellus wurde Anfang Juli 2024 in der Kirnitzschklamm von der Vegetation am Wegrand gekeschert. Bisher war noch keine Fundmeldung aus Sachsen bekannt. Bezogen auf Deutschland konzentrieren sich die Fundmeldungen bisher auf die westliche Hälfte sowie die Küstenregionen von Nord- und Ostsee.

Abb. 37_11: Ein Exemplar der Stachelkäferart Conalia baudii wurde im Juni 2024 in einer Gelbschale auf der Untersuchungsfläche „Hohlfelds Graben“ gefunden. Es ist ein Erstnachweis für die Käferfauna Sachsens und der dritte Fund in Deutschland. Nach Büttner (2025) wurde die Art im August 2024 auch im Bayern nachgewiesen.

Abb. 37_12: Ein Exemplar der Erdflohkäferart Chaetocnema chlorophana wurde Mitte Mai 2023 auf der Waldbrandfläche von der Vegetation geklopft. Es ist ein Erstnachweis für die Käferfauna Sachsens und der dritte Fund in Deutschland.
Es wurden 284 Käferarten nachgewiesen, darunter 159 xylobionte Arten i.w.S., von denen 50 Arten als faunistisch bemerkenswert hervorgehoben werden können, weil sie entweder in einer Roten Liste stehen, laut Bundesartenschutzverordnung geschützt sind oder wegen ihrer Seltenheit bzw. wegen ihres nur regionalen/ lokalen Verbreitungsschwerpunkts oder der bioindikatorischen Relevanz (Abb. 37_13).

Abb. 37_13: Faunistisch bemerkenswerte xylobionte Arten, die auf der Fläche „Hohlfelds Graben“ nachgewiesen wurden. RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung; SaxF: Sachsenfauna-Änderung bezogen auf Köhler & Klausnitzer (1998) (Beispielerklärung: E’06 = Erstnachweis für Sachsen 2006; W’04 = Wiederfund in Sachsen, letzte Fundmeldung mind. vor 1950); 1.n.2000 = ersten Nachweis seit der Jahrtausendwende); H* = Häufigkeit; sh = sehr häufig; h = häufig; mh = mäßig häufig; s = selten; ss = sehr selten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer über 40jährigen Beschäftigung mit der Käferfauna Sachsens und einer eigenen Datenbank, die im Dezember 2023 mehr als 130.000 Datensätze mit etwa 9.800 Beobachtungsprotokollen von 2.100 Fundorte und von 3.400 Käferarten aus Sachsen umfasst sowie einer Vergleichs-/Belegsammlung mit ca. 30.000 sächsischen Käfern);
Auf dieser Fläche besonders hervorzuheben ist der bereits oben genannte Erstnachweis einer Stachelkäferart (siehe Abb. 37_11). Außerdem kann der erneute Nachweis des Schnellkäfers Lacon lepidopterus besonders hervorgehoben werden, weil es diese Art in Deutschland nur in der Sächsischen Schweiz zu geben scheint. Es handelt sich nach Eckelt et al (2017) um eine Urwald-Reliktart. Sie wurde von E. Jantke Anfang der 1990er Jahren in der Umgebung der Lorenzsteine entdeckt. Bei den Recherchen im Rahmen der 2005 bis 2007 erfolgten Untersuchungen zur xylobionten Käferfauna durch den Erstautor, wurde nicht nur alte Literatur ausgewertet, sondern über persönliche Kontakte und mündliche Mitteilungen solche Funde „gehoben“ und mit in die Auswertung aufgenommen sowie 2010 publiziert (Lorenz 2010). Im Jahr 2013 konnte die Art auch durch H.P. Reike nachgewiesen, namentlich bei der Auswertung von Beifängen aus Borkenkäfer- Pheromonfallen (leg. Rödinger), die in der Nähe des Saupsdorfer Weges südöstlich der Buschmühle aufgestellt waren. Im Jahr 2022 gelang meinem Kollegen R. Gutzeit ein Nachweis der Art auch unweit von Buschmüllers Räumicht und 2023 im Heidelbachtal.

Abb. 37_14: Der Schnellkäfer Lacon lepidopterus konnte unter der Rinde und im morschen Holz von alten Fichtenstümpfen nachgewiesen werden Laut Rote Liste ist die Art „vom Aussterben bedroht“ und ist eng an naturnahe, autochthone Fichtenmischwälder gebunden, denn obwohl im gesamten Erzgebirge Fichtenbestände dominieren und überall Stümpfe vorhanden sind, kommt die Art dort nicht vor, weil es sich um forstwirtschaftlich überprägte, d.h. künstlich aufgeforstete Bestände handelt. Es gab in der Vergangenheit mehrfach eine Unterbrechung der Habitattradition, indem der gesamte Wald abgeholzt und erst viele Jahre später künstlich wieder aufgeforstet wurde.

Abb. 37_15: Im Juni 2024 wurde zwei Exemplare des Rindenkäfers Synchita separanda im Lufteklektor gefangen, der an einer drisch abgestorbenen und mit vielen Baumpilzen bewachsenen Buchte hing. Es ist eine weitere Urwald- Reliktart, die bisher noch nicht aus der Sächsischen Schweiz bekannt war.

Abb. 37_16: Anfang Juni 2024 konnte ein Exemplar der Schnellkäferart Agriotes acuminatus auf der Untersuchungsfläche „Hohlfelds Graben“ von der Vegetation geklopft werden. Die Art hatte bis vor wenigen Jahren ihren Verbreitungsschwerpunkt eher im Westen und verbreitet sich nun offenbar weiter nach Osten.
Es wurden 356 Käferarten nachgewiesen, darunter 144 xylobionte Arten i.w.S., von denen etwa 50 Arten als faunistisch bemerkenswert hervorgehoben werden können, weil sie entweder in einer Roten Liste stehen, laut Bundesartenschutzverordnung geschützt sind oder wegen ihrer Seltenheit bzw. wegen ihres nur regionalen/ lokalen Verbreitungsschwerpunkts oder der bioindikatorischen Relevanz (Abb. 37_17).

Abb. 37_17: Faunistisch bemerkenswerte xylobionte Arten, die im Tal der Kirnitzschklamm nachgewiesen wurden. RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung; SaxF: Sachsenfauna-Änderung bezogen auf Köhler & Klausnitzer (1998) (Beispielerklärung: E’06 = Erstnachweis für Sachsen 2006; W’04 = Wiederfund in Sachsen, letzte Fundmeldung mind. vor 1950); 1.n.2000 = ersten Nachweis seit der Jahrtausendwende); H* = Häufigkeit; sh = sehr häufig; h = häufig; mh = mäßig häufig; s = selten; ss = sehr selten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer über 40jährigen Beschäftigung mit der Käferfauna Sachsens und einer eigenen Datenbank, die im Dezember 2023 mehr als 130.000 Datensätze mit etwa 9.800 Beobachtungsprotokollen von 2.100 Fundorte und von 3.400 Käferarten aus Sachsen umfasst sowie einer Vergleichs-/Belegsammlung mit ca. 30.000 sächsischen Käfern);
Als große faunistische Besonderheit kann der bereits oben in Abb. 37_10 abgebildete Malachidenkäfer (Clanoptilus marginellus) genannt werden – ein Erstnachweis für die Sächsische Käferfauna. Weiterhin gibt es auf dieser Fläche beispielsweise beständige Vorkommen (die Art wurde bereits 2005 und 2006 dort gefunden) des Rindenschröter (Ceruchus chrysomelinus), der sich im rotfaulen, feuchten Fichtenholz entwickelt, sowie der Mulmhöhlenbesiedler Marmorierter Goldkäfer (Protaetia marmorata), dessen Larven sicherlich in den Baumhöhlen der noch wenigen verbliebenen Alt- Buchen leben. Weitere bemerkenswerte Arten sind u.a. folgende:

Abb. 37_18: Zwei Exemplare der Schwammkäferart Hadreule elongatula wurden im Juni 2024 mit Hilfe des Lufteklektors nachgewiesen, der an einer verpilzten, alten Rotbuche hing – ein ähnlicher Lebensraum wie bei den 20 Jahre zurückliegenden Erfassungen. Damals galt der Fund dieser Urwald- Reliktart als Erstnachweis für Sachsen.

Abb. 37_19: Im Juni 2024 wurde ein Exemplar der seltenen Schwammkäferart Cis quadridens aus Baumpilzen gebürstet. Ähnlich wie die vorher genannte Hadreule elongatula kommt auch diese Schwammkäferart bei uns in Sachsen offensichtlich nur in der Hinteren Sächsischen Schweiz vor. Das blaue Quadrat westlich von Dresden symbolisiert die Mitte Sachsens, was entweder auf eine Falschmeldung zurückzuführen ist oder weil die Fundortangaben nicht georeferenziert oder die Verortung nicht nachvollziehbar sind.

Abb. 37_20: Anfang Juni 2024 konnte ein Exemplar dieses deutschlandweit nur in den Hochlagen der sächsischen Mittelgebirge vorkommenden Rüsselkäfers Notaris aterrima von der Vegetation (Gras) gekeschert werden. Der Nachweis auf einer Talwiese in 200 m ü. NN verdeutlicht die sogenannte Höhenstufenumkehr, d.h. eine lokalklimatische Besonderheit, dass in den kühlfeuchten Tälern Lebensbedingungen für montan verbreitete Arten vorherrschen, die sonst nur in Höhenlagen oberhalb von 700 m vorkommen.
Es wurden 178 Käferarten nachgewiesen, darunter 118 xylobionte Arten i.w.S., von denen 33 Arten als faunistisch bemerkenswert hervorgehoben werden können, weil sie entweder in einer Roten Liste stehen, laut Bundesartenschutzverordnung geschützt sind oder wegen ihrer Seltenheit bzw. wegen ihres nur regionalen/ lokalen Verbreitungsschwerpunkts oder der bioindikatorischen Relevanz (Abb. 37_21).

Abb. 37_21: Faunistisch bemerkenswerte xylobionte Arten, die in/um den Kiefernriffwald nachgewiesen wurden. RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung; SaxF: Sachsenfauna-Änderung bezogen auf Köhler & Klausnitzer (1998) (Beispielerklärung: E’06 = Erstnachweis für Sachsen 2006; W’04 = Wiederfund in Sachsen, letzte Fundmeldung mind. vor 1950); 1.n.2000 = ersten Nachweis seit der Jahrtausendwende); H* = Häufigkeit; sh = sehr häufig; h = häufig; mh = mäßig häufig; s = selten; ss = sehr selten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer über 40jährigen Beschäftigung mit der Käferfauna Sachsens und einer eigenen Datenbank, die im Dezember 2023 mehr als 130.000 Datensätze mit etwa 9.800 Beobachtungsprotokollen von 2.100 Fundorte und von 3.400 Käferarten aus Sachsen umfasst sowie einer Vergleichs-/Belegsammlung mit ca. 30.000 sächsischen Käfern);
Es konnten beispielsweise mehrere faunistische Besonderheiten nachgewiesen werden, u.a. die an Nadelholz (sofern es sich um autochthone Bestände handelt) gebundene Bockkäferart Etorufus pubescens, die laut Roter Liste Sachsens als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft ist und sich ebenfalls in Nadelholz v.a. Fichten entwickelnde Pochkäferart (Microbregma emarginatum). Außerdem genannt werden soll die an Kiefern gebundene, erst seit ein paar Jahren häufiger nachgewiesenen Borkenkäferart Pitygenes trepanatus, ein ähnlich aussehender und enger Verwandter des bei Förstern gefürchteten Kupferstechers (Pitygenes chalcographus). Es stellt sich die Frage, ob Pitygenes trepanatus bisher nicht erkannt wurde oder übersehen, weil man heutzutage andere Fangmethoden wie z.B. Lufteklektoren einsetzt oder tatsächlich häufiger geworden ist?

Abb. 37_22: Ende Juni/ Anfang Juli 2023 wurde ein Exemplar des Bockkäfers Pachyta quadrimaculata im Lufteklektor gefangen, der an einer frisch abgestorbenen Kiefer hing. Die montane, an autochthone Fichten gebundene Art kommt in Sachsen nur in der Sächsischen Schweiz vor und nur dort, wo es noch keinen forstwirtschaftlichen Einfluss gegeben hat, d.h. nur dort, wo sich die Fichte natürlich reproduzieren konnte und nicht durch Kahlschlag und künstlich Aufforstung, wie sonst fast überall.

Abb. 37_23: Im Mai 2024 konnte ein Exemplar der seltenen Pochkäferart Microbregma emarginatum mit Hilfe des Lufteklektors nachgewiesen werden. Die Art wurde in Sachsen bisher nur in der Sächsischen Schweiz nachgewiesen. Sie entwickelt sich wahrscheinlich in autochthonen Fichten.

Abb. 37_24: Von den ca. 80 bei uns vorkommenden Borkenkäferarten gibt es neben dem Buchdrucker (Ips typographus) und dem Kupferstecher (Pityogenes chalcographus), die eigentlich nur wegen der verfehlten, nicht nachhaltigen, naturentfremdeten forstlichen Bewirtschaftung der letzten 200 Jahre in Verruf geraten sind, auch ziemlich seltene Arten, die offenbar keine Forstschutzrelevanz haben, wie z. B. Pityogenes trepanatus. Im Juni und Juli 2024 konnten mehrere Exemplare dieser Art im Lufteklektor nachgewiesen werden, meist zusammen mit Pityogenes chalcographus.
Es wurden 215 Käferarten nachgewiesen, darunter 125 xylobionte Arten i.w.S., von denen 38 Arten als faunistisch bemerkenswert hervorgehoben werden können, weil sie entweder in einer Roten Liste stehen, laut Bundesartenschutzverordnung geschützt sind oder wegen ihrer Seltenheit bzw. wegen ihres nur regionalen/ lokalen Verbreitungsschwerpunkts oder der bioindikatorischen Relevanz (Abb. 37_25).

Abb. 37_25: Faunistisch bemerkenswerte xylobionte Arten, die auf der Waldbrandfläche nachgewiesen wurden. RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung; SaxF: Sachsenfauna-Änderung bezogen auf Köhler & Klausnitzer (1998) (Beispielerklärung: E’06 = Erstnachweis für Sachsen 2006; W’04 = Wiederfund in Sachsen, letzte Fundmeldung mind. vor 1950); 1.n.2000 = ersten Nachweis seit der Jahrtausendwende); H* = Häufigkeit; sh = sehr häufig; h = häufig; mh = mäßig häufig; s = selten; ss = sehr selten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer über 40jährigen Beschäftigung mit der Käferfauna Sachsens und einer eigenen Datenbank, die im Dezember 2023 mehr als 130.000 Datensätze mit etwa 9.800 Beobachtungsprotokollen von 2.100 Fundorte und von 3.400 Käferarten aus Sachsen umfasst sowie einer Vergleichs-/Belegsammlung mit ca. 30.000 sächsischen Käfern);
Als faunistische Besonderheiten können folgende Arten genannt werden:

Abb. 37_26: Ende Oktober 2024 konnten mehrere Exemplare der seltenen Gekerbten Baumplattkäfers Dendrophagus crenatus unter der Rinde der brandgeschädigten bzw. mittlerweile abgestorbenen Lärchen beobachtet werden. Es liegen bisher aus Sachsen nur wenige Fundmeldungen vor.

Abb. 37_27: Ende April 2024 konnte ein Exemplar der sehr seltenen Laufkäferart Leistus montanus kultianus auf der Waldbrandfläche gefunden werden. Vor 20 Jahren fand ich ein Exemplar dieser Art auf dem Großen Zirkelstein, d.h. in der Sächsischen Schweiz auf der anderen, südlichen Elbseite.

Abb. 37_28: Im Mai 2024 konnte ein Exemplar von Xylita laevigata mit Hilfe des Lufteklektors gefangen werden. Die sehr seltene Düsterkäferart kommt in Sachsen aktuell nur in der Sächsischen Schweiz vor. Im Jahr 2006 wurde sie letztmalig unweit des jetzigen Fundortes nachgewiesen.
Wie bereits beim Extra-Weißtannen-Lufteklektor im Jahr 2023 südöstlich von Hinterhermsdorf konnte auch 2024 an der Tanne bei Hohlfelds Graben kein explizit an diese Baumart gebundener Käfer nachgewiesen werden. Es sind 50 Käferarten nachgewiesen worden, darunter 37 xylobionte Arten i.w.S. Davon sind mit 22 Arten über die Hälfte an Laubholz gebunden und 7 weitere Arten unspezifisch an Laub- und Nadelholz. Nur 8 Arten leben an/von Nadelholz. Insofern kann wiederum vermutet werden, dass die Tannen, obwohl sie relativ alt sind, vermutlich nicht autochthon sind, sondern offensichtlich vor etwa 100 Jahren angepflanzt wurden und es keine Bestandeskontinuität/ Habitattradition gibt. Die faunistisch bemerkenswerten Arten sind in Abb. 37_29 aufgelistet.

Abb. 37_29: Faunistisch bemerkenswerte xylobionte Arten, die an der Weißtanne bei Hohlfelds Graben nachgewiesen wurden. RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung; SaxF: Sachsenfauna-Änderung bezogen auf Köhler & Klausnitzer (1998) (Beispielerklärung: E’06 = Erstnachweis für Sachsen 2006; W’04 = Wiederfund in Sachsen, letzte Fundmeldung mind. vor 1950); 1.n.2000 = ersten Nachweis seit der Jahrtausendwende); H* = Häufigkeit; sh = sehr häufig; h = häufig; mh = mäßig häufig; s = selten; ss = sehr selten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer über 40jährigen Beschäftigung mit der Käferfauna Sachsens und einer eigenen Datenbank, die im Dezember 2023 mehr als 130.000 Datensätze mit etwa 9.800 Beobachtungsprotokollen von 2.100 Fundorte und von 3.400 Käferarten aus Sachsen umfasst sowie einer Vergleichs-/Belegsammlung mit ca. 30.000 sächsischen Käfern);
Es ist eine flexible, leichte Konstruktion aus biegbarem Installationsrohr, engmaschiger Monofill-Gaze und einer 1-Liter-Weithalsflasche entwickelt worden, die innerhalb weniger Minuten auf- und abgebaut werden kann und nur für langsame Geschwindigkeiten von maximal 30 km/h geeignet ist, d.h. eher für bessere Wald- und Feldwege und nicht für normale Straßen (siehe Kapitel 2: Erfassungsmethoden und Abb. 37_09). Die Strecke auf dem Waldweg der Kirnitzschtalstraße vom Abzweig Schandauer Straße bis zur Grenze hat eine Länge von 6 km bzw. 12 km (hin und zurück). Am 6.6.2024 konnten 317 Käfer in 90 Arten gefangen werden und am 24.6.2024 waren es 173 Käfer in 60 Arten bzw. insgesamt 123 Arten. Als faunistisch bemerkenswert können 34 Arten genannt werden (Abb. 37_30).

Abb. 37_30: Faunistisch bemerkenswerte Käferarten, die mit dem Autokescher nachgewiesen wurden. RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung; SaxF: Sachsenfauna-Änderung bezogen auf Köhler & Klausnitzer (1998) (Beispielerklärung: E’06 = Erstnachweis für Sachsen 2006; W’04 = Wiederfund in Sachsen, letzte Fundmeldung mind. vor 1950); 1.n.2000 = ersten Nachweis seit der Jahrtausendwende); H* = Häufigkeit; sh = sehr häufig; h = häufig; mh = mäßig häufig; s = selten; ss = sehr selten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer über 40jährigen Beschäftigung mit der Käferfauna Sachsens und einer eigenen Datenbank, die im Dezember 2023 mehr als 130.000 Datensätze mit etwa 9.800 Beobachtungsprotokollen von 2.100 Fundorte und von 3.400 Käferarten aus Sachsen umfasst sowie einer Vergleichs-/Belegsammlung mit ca. 30.000 sächsischen Käfern);
Im Autokescher relativ artenreich vertreten waren ausgerechnet die kleinsten Käfer, d.h. Vertreter aus der Familie Ptiliidae. die man mit den sonst angewandten Erfassungsmethoden kaum fangen kann. Somit stellt sich die Frage, ob deren Seltenheit bzw. geringe Zahl an Fundmeldungen eher darauf beruht, dass einerseits bisher kaum mit Autokescher erfasst wurde und/oder andererseits diese Winzlinge von 1 mm und kleiner von den meisten Koleopterologen ignoriert wurden/ werden? Vier dieser Winzlings-Arten sind in Abb. 37_31 bis 37_34 beispielhaft dargestellt.

Abb. 37_31: Zwergkäferart Ptiliola kunzei

Abb. 37_32: Zwergkäferart Ptiliolum spencei

Abb. 37_33: Zwergkäferart Baeocrara variolosa

Abb. 37_34: Zwergkäferart Ptenidium laevigatum
In einer Veröffentlichung von Müller et al. (2005) werden auf Basis der Liste der xylobionten Käfer Deutschlands (Schmidl & Bussler 2004) eine Definition für sogenannte „Urwaldrelikt-Arten“ formuliert und 115 Käferarten aufgelistet, die in Deutschland als Urwaldreliktarten bezeichnet werden können. Nach den folgenden Kriterien erfolgt die Auswahl der Arten: - relikteres Vorkommen in Mitteleuropa - Bindung an Habitattradition sowie Kontinuität der Alters- und Zerfallsphase des Waldes - hohe Ansprüche an Totholzqualität und -quantitäten - aus forstlich geprägten Wäldern weitestgehend verschwunden Als Beispiel erwähnen Müller et al. (2005) ein Naturwaldreservat im Spessart, in den es acht rezente Urwaldreliktarten gibt und diesen Bestand als „...einen der wichtigsten urständigsten Waldbestände Deutschlands“ hervorheben. Entsprechend dieser Liste können auf Grundlage der bis 2007 vorliegenden Untersuchungsergebnisse aus der Sächsischen Schweiz immerhin 6 Urwaldreliktarten genannt werden (Abb. 36_35). Ergänzt man die überarbeitete und auf ganz Mitteleuropa bezogene Urwaldreliktartenliste von Eckelt et al. (2017) wurden bisher neun Urwald-Reliktarten im Nationalpark Sächsische Schweiz gefunden. Legt man jedoch nur die aktuellere Eckelt-Liste den Erfassungsergebnissen von 2005 bis 2007 zugrunde, stehen dennoch sechs Urwald-Reliktarten zu Buche, weil einige Arten aus der 2005er Liste gestrichen wurden, andere aber neu aufgenommen worden sind.

Abb. 37_35: Liste der bis Ende 2024 im Nationalpark Sächsische Schweiz durch eigene Erfassungen nachgewiesene Urwald-Reliktarten (URA: M = Müller et al. 2005 und E = Eckelt et al. 2017); RLDt: = aktuelle Rote Listen Deutschlands; RLSn: Rote Listen Sachsens; BAV: Bundesartenschutzverordnung;
Im Jahr 2024 wurden im Nationalpark Sächsische Schweiz 672 Käferarten nachgewiesen, darunter 60 Käferarten, also ca. 9% erstmals für das Gebiet (bezogen auf die Gesamtartenliste aus den Erfassungen von 2005 bis 2007 sowie 2017 bis 2018 sowie nach Recherchen im Online-Portal www.colkat.de). Etwa die Hälfte davon sind Xylobionte. Insofern haben sich die Kenntnisse über die Käferfauna der Region wieder etwas erweitert. Dennoch wird deutlich, dass es noch erhebliche Defizite über die tatsächliche Fauna gibt und eine Fortführung der Inventarisierung wünschenswert ist. Dieses Ergebnis verdeutlicht also einerseits die oben erwähnten Defizite bei der Erforschung der heimischen Fauna. Andererseits kann man es auch als Hinweis für ein dynamisches (Öko-) System sehen, in dem sukzessive Prozesse stattfinden „dürfen“ - mit einem permanenten Artenaustausch, der eine kontinuierliche faunistische Forschung erforderlich macht, um die Veränderungen – positiv oder negativ – dokumentieren zu können. Außerdem ist aktuell ein längerfristiges Monitoring auf der Waldbrandfläche wünschenswert, um die dortige Sukzession dokumentieren zu können. Grundsätzlich wäre eine regelmäßige Inventarisierung der Käferfauna, wobei nach und nach möglichst alle oder zumindest die meisten Lebensraumtypen mit unterschiedlichsten Erfassungsmethoden im Nationalpark Sächsische Schweiz beprobt werden, ein wichtiger Beitrag zum Verständnis unseres natürlichen Erbes.
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