im NSG „Lauske“ bei Weißenberg/Oberlausitz
Im Rahmen der naturschutzfachlichen Würdigung des Naturschutzgebiets „Lauske“ wurde 2025 u.a. die xylobionte und aquatische Käferfauna erforscht. Die Käfer (Coleoptera) gehören zu den artenreichsten Insektengruppen. In Sachsen sind aktuell etwa 4.400 Arten bekannt. Käfer haben eine relativ große bioindikatorische Relevanz, weil ein nicht unerheblicher Teil der Arten spezifische Ansprüche an ihren Lebensraum stellt und empfindlich auf Umweltveränderungen reagiert. Außerdem gibt es einen recht guten Kenntnisstand über die Ökologie, Verbreitung und Gefährdungssituation. Bezogen auf Gehölze bzw. waldbestockte Schutzgebiete eignen sich für eine naturschutzfachliche Bewertung die Gruppe der Holz- und Pilzkäfer aus bioindikatorischer Sicht besonders gut. Das Artenspektrum der xylobionten (an Holz gebundene) Käfer i.e.S. umfasst in Sachsen ca. 20% aller aktuell nachgewiesenen Arten, d.h. etwa 900 Spezies aus fast allen der mehr als 100 Käferfamilien. Neben den „echten“ Holzkäfern, d.h. solche, deren Entwicklung direkt im Holz oder unter der Rinde erfolgt, gehören hierzu auch Arten, die an Pilzen leben, welche auf Holz wachsen sowie Arten, die an Baumhöhlen, ausfließenden Baumsaft oder Dendrothelmen gebunden sind, wobei diese mannigfaltige ökologische Gruppe folgendermaßen weitgefächert definiert werden kann:
Zur Gruppe der xylobionten Käfer zählen alle Arten, deren Entwicklung in lebenden, absterbenden und toten Bäumen und verholzten Sträuchern erfolgt bzw. die als Larven und (oder) Imagines an oder in Holz, Baumpilzen, ausfließendem Baumsaft, in Baumhöhlen bzw. im Mulm, in Nestern baumhöhlenbrütender Vogelarten sowie auf oder unter der Rinde der Bäume leben und direkt oder indirekt an diese Strukturen gebunden sind, einschließlich der räuberischen Arten, die anderen „echten Holzinsekten“ nachstellen und der Parasitoide, Kommensalen und Symbionten, die Holzinsekten als Wirtsarten benötigen
Darüber hinaus gibt es noch eine Gruppe von totholzaffinen Arten, die zwar regelmäßig an den vielgestaltigen Totholzstrukturen gefunden werden, aber nicht ausschließlich dort vorkommen, sondern wie z. B. viele Pilzkäferarten auch an Bodenpilzen oder sonstigem verschimmelten Material vorkommen. Diese Gruppe sogenannter fakultativer Xylobionter umfasst weitere ca. 400 Arten. Die regelmäßig im Holz bzw. unter der Rinde überwinternden Arten bleiben unberücksichtigt, wenngleich sie eigentlich auch mit zur Gruppe der xylobionten Käfer i. w. S. gezählt werden können. Beispielsweise überwintern die laut Bundesartenschutzverordnung als „gesetzlich besonders geschützt“ eingestuften Laufkäferarten der Gattung Carabus gern in morschen Baumstümpfen. Insofern werden mit dem Stubbenfräsen Teil-Lebensräume geschützter Arten zerstört. Laut der Verordnung zum Schutz von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten (Bundesartenschutzverordnung – BArtSchV) gibt es etwa 200 auch in Sachsen vorkommende xylobionte Käferarten, die als „besonders geschützt“ oder „streng geschützt“ gelten, darunter fast alle Pracht-, Rosen- und Gold-, Hirsch-, sowie Bockkäferarten (Buprestidae, Cetonia und Protaetia, Lucanidae sowie Cerambycidae). Eine große naturschutzrechtliche Bedeutung kann für vier heimische xylobionte Käferarten hervorgehoben werden, weil sie als sogenannte FFH-Arten europarechtlich geschützt sind: der Juchtenkäfer oder Eremit (Osmoderma eremita) sowie der Hirschkäfer (Lucanus cervus), der Heldbock (Cerambyx cerdo ) und der Scharlachkäfer (Cucujius cinnaberinus). Für die meisten Holz- und Pilzkäferarten gibt es keine sächsische Rote Liste. Bisher liegt lediglich eine Fassung für die Bockkäfer vor (Klausnitzer & Stegner 2018), die allerdings aktuellere Funddaten bzw. das Wissen regional tätiger Entomologen unzureichend berücksichtigt und damit faunistische Veränderungen der vergangenen 20 Jahre kaum abbildet. Neu erschienen ist hingegen die Rote Liste der Blatthorn- und Hirschkäfer Sachsens, wo zum ersten Male mehrere aktive Koleopterologen Sachsens zumindest in der Endphase und bezüglich Gefährdungseinstufung angefragt wurden. Einige dieser Arten gehören zur Gruppe der echten Holzkäfer und sind von großer ökologischer und naturschutzfachlicher Bedeutung.
Zur Erfassung der xylobionten Käferfauna sind von Mai bis September 2025 sogenannte Kreuzfensterfallen installiert worden, die alle 4 Wochen geleert wurde (Beispiel: Abb. 34-01). Das Fangmaterial wurde im Labor mit Hilfe einer Lupenlampe und eines Stereomikroskops ausgelesen, wobei alle Käfer separiert und in 70%igem Alkohol konserviert wurden. Zusätzlich wurden alles Wildbienen und Grabwespen sowie Raubfliegen, Wanzen und Zikaden, die zufällig in die Falle geraten sind, extra ausgelesen und ebenfalls in 70%igem Alkohol konserviert und bekannten Entomologen aus Sachsen zur Verfügung gestellt. Bei den Kreuzfensterfallen handelt es sich einerseits um vier große Eklektoren mit 50 cm Höhe und 33 cm Breite, die in den Baumkronen gehängt wurden und einen kleineren sogenannten Baumhöhlen-Eklektor von 30 cm Höhe und 12 cm Breite, der im hohlen Starkast einer alten Eiche gesteckt wurde. Die Fallen hatten folgende Positionen (siehe auch Abb. 34-03):
Als Konservierungsflüssigkeit kam gesättigte Salzlösung zum Einsatz, der etwas Essig und Alkohol sowie Detergenz (Waschpulver zur Herabsetzung der Oberflächenspannung der Flüssigkeit) zugesetzt war. Zu den Leerungen erfolgten zusätzlich Handfänge mit Klopfschale, Streifsack usw. und am 7.8.2025 wurde ein Lichtfang auf dem „Ruinenberg“ durchgeführt (Abb. 32-02)

Abb. 34-01: Links: Frisch abgestorbene Eiche mit Lufteklektor in ca. 20 m Höhe; rechts: Nahaufnahme der Fensterfalle.

Abb. 34-02: Lichtfanganlage am Ruinenberg.
Zur Erfassung der aquatischen Käferfauna kam vor allem ein großes (ca. 25 cm Durchmesser) feinmaschiges Sieb zum Einsatz, mit dem in erster Linie der durchs NSG fließende Bach „Kotitzer Wasser“ an vier Stellen beprobt wurde (siehe Abb. 34-03 und Kap. 4).

Abb. 34-03: Übersicht NSG „Lauske“ (alte Abgrenzung: rote Linien) mit den Positionen der Lufteklektoren (orange Dreiecke), des Lichtfanges (gelber Stern) und der Untersuchungsstellen der aquatischen Käfer (blaue Punkte), in der Umgebung der Lufteklektoren erfolgten auch die Handfänge.
Insgesamt wurden 381 Käferarten nachgewiesen, davon 264 xylobionte Arten i.w.S., wobei ca. 2.000 Käfer erfasst und bestimmt worden sind. Auf die Angabe von Individuenzahlen wurde verzichtet, weil dies keinerlei Informationsgewinn bringt. Es können nicht alle Individuen gezählt werden, die sofort im Gelände bestimmbar sind. Andererseits muss v.a. von sehr kleinen Tieren, wie Kurzflüglerkäfer (Staphylinidae) eine größere Zahl mitgenommen werden, weil man sie nur mit Hilfe eines Stereomikroskops und einer diffizilen Genitalpräparation exakt bis zur Art bestimmen kann und oft entweder nur die Männchen oder nur die Weibchen bestimmbar sind. Im Gelände kann man von 2 mm kleinen Käfern nicht das Geschlecht erkennen. Im nördlichen Teilfläche (1) konnten 101 xylobionte Käfer nachgewiesen werden, um den „Ruinenberg“ (Fläche 2) 157 Arten, in der Umgebung des Familienfriedhofs (Fläche 3) 100 Arten und im südlichen Gehölzteil (Fläche 4 südlich Kleinzschorna) 90 Arten. Auf diesen vier Teilflächen kamen jeweils die gleichen Fangmethoden zum Einsatz: Lufteklektor und Handfänge. Lediglich auf Fläche 2 fand zusätzlich ein Lichtfang statt. Im zusätzlich installierten Baumhöhlen-Eklektor, der innerhalb der Fläche 3 liegt, wurden 25 Arten gefunden und im Gehölz südöstlich Lauske nur per Hand 54 Arten.
Laut Bundesartenschutzverordnung gelten 24 Arten (u.a. 17 Bockkäferarten) als „besonders geschützt“ und eine Art (Protaetia speciosissima) als „streng geschützt“. 58 Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten Deutschlands, darunter 2x „vom Aussterben bedroht“ (Synchita mediolanensis, Neomida haemorrhoidalis), 5x „stark gefährdete“ (Mycetophagus fulvicollis, Colydium filiforme, Corticeus bicoloroides, Osmoderma eremita agg., Gasterocercus depressirostris) sowie 27x „gefährdet“. Die restlichen Arten stehen in den Kategorien „G“, „V“, „R“ und „D“. Nach Schmidl & Bussler (2004) gelten 33 xylobionte Arten als sogenannte „Indikatorarten“, d.h. sie besitzen eine große ökologische und bioindikatorische Relevanz und unterstreichen den hohen naturschutzfachlichen Wert des der Waldgebiete im NSG „Lauske“ (Abb. 34-04 und Abb. 34-05, Spalte „IA“). Als „besondere“ Kategorie zur Bewertung xylobionter Käfer zählt die Einstufung als „Urwald-Reliktart“. Bereits im Jahr 2005 haben mehrere Autoren eine solche Liste für Deutschland publiziert (Müller et al. 2005). Laut Definition sind Käferarten nach den folgenden Kriterien ausgewählt worden:
Darüber hinaus wurde für ganz Mitteleuropa eine solche Urwald-Reliktartenliste publiziert (Eckelt et al. 2017). Auf Grund des größeren Bezugsrahmens sind in der zuletzt genannten Liste auch Arten genannt, die in Deutschland nicht vorkommen oder hier bereits ausgerottet wurden oder aus der 2005er Liste gestrichen wurden, weil sich die Bestandssituation oder Kenntnisse zu deren Vorkommen geändert haben. Zudem unterliegt die Natur ohnehin einer meistens nicht vorhersehbaren Dynamik. Als Beispiel soll die in der älteren Urwaldreliktartenliste genannten Arten Ipidia binotata und Neomida haemorrhoidalis genannt werden, weil seit wenigen Jahren in Sachsen eine Ausbreitungstendenz und massive Bestandeszunahmen zu beobachten sind. In der Sächsischen Schweiz ist die zuerst genannte Art mittlerweile sehr häufig und auch in der Oberlausitz wurde sie schon mehrfach gefunden. Die Vorkommensentwicklung von Neomida wird in Jäger & Lorenz (2022) diskutiert. Bezogen auf beide Listen wurden im NSG „Lauske“ 9 Urwaldreliktarten nachgewiesen, was als „überdurchschnittlich gut“ eingeschätzt werden kann (siehe Abb. 34-04 und Abb. 34-05, Spalte „URA“). Die oben genannten sowie alle nach BArtSchV geschützten und Rote-Liste- sowie Indikator-Arten sind zusammen mit einer Reihe weiterer aus subjektiver Sicht des Autors als (regional-)faunistisch bemerkenswerte, relativ seltene Arten einschließlich ökologischer Angaben in Abb. 34-04 und Abb. 34-05 aufgelistet.
Abb. 34-04: Tabelle 1 von 2: Liste der im NSG „Lauske“ und Erweiterungsflächen nachgewiesenen faunistisch bemerkenswerten xylobionten Käferarten mit Gefährdungs- und Schutzstatus sowie ökologischen Angaben.
Abb. 34-05: Tabelle 2 von 2: Liste der im NSG „Lauske“ und Erweiterungsflächen nachgewiesenen faunistisch bemerkenswerten xylobionten Käferarten mit Gefährdungs- und Schutzstatus sowie ökologischen Angaben.
Bezogen auf die Rote Liste von Deutschland (für alle Käferarten erstellt) ergibt sich Folgendes:
Bezogen auf die BArtSchV wurden auf Fläche 1 eine, auf den Flächen Nr. 2 und 4 jeweils drei und auf Fläche Nr. 3 vier gesetzlich geschützten Arten nachgewiesen.
Die nachfolgend abgebildeten Fundmeldungskarten stammen aus dem überwiegend ehrenamtlich betriebenen Portal „www.coleoweb.de“. Für das Mitteilen und aktualisieren von Funddaten gibt es für jedes Bundesland mindestens einen Verantwortlichen. Dieser ist auf die Übermittlung von Funddaten der aktiven Entomologen angewiesen und benötigt entsprechende Freizeit, um unentgeltlich den Datenbestand einzupflegen. Da dies nicht immer sofort erfolgen kann, sind auch die Fundpunktkarten nicht immer auf dem aktuellen Stand. Sie spiegeln aber in den meisten Fällen recht gut die Verbreitungssituation wider. Die Diskrepanz bezüglich Aktualisierungen ist aus den nachfolgenden Abbildungen manchmal ersichtlich, wenn beispielsweise noch keine blauen Quadrate zu sehen sind, hier aber die 2025er Neu- bzw. Wiederfunde für die sächsische bzw. oberlausitzer Käferfauna mitgeteilt werden. Der für Sachsen zuständige Bearbeiter, Herr Uwe Hornig, wird über die faunistischen Neuheiten zeitnah informiert.
Als große faunistische Besonderheit kann der Nachweis der Schwammkäferart Ropalodontus novorossicus hervorgehoben werden, weil sie laut „coleoweb“ bisher noch nie in ganz Ost- und Norddeutschland gefunden wurde. In Abb. 34-06 ist dieser Erstnachweis bereits aktualisiert. Die Art entwickelt sich in Baumpilzen, die auf Esche wachsen (mündl. Mitteilung vom Ciiden-Spezialisten Johannes Reibnitz, Stuttgart).
Abb. 34-06: Fundmeldungen von Ropalodontus novorossicus in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Weitere Arten, die den großen naturschutzfachlichen Wert und die Schutzwürdigkeit der Waldgebiete im NSG „Lauske“ unter Beweis stellen, weil sie an spezifischen Habitatstrukturen gebunden sind, die es überwiegend in naturnahen, alt- und totholzreichen Wäldern gibt sowie eine regionalfaunistische Bedeutung haben, weil sie erstmals im Hügelland der Oberlausitz gefunden werden konnten, sind beispielsweise:
Abb. 34-07: Fundmeldungen von Protaetia speciosissima in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-08: Fundmeldungen von Gasterocercus depressirostris in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-09: Fundmeldungen von Isorhipis melasoides in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-10: Fundmeldungen von Leiestes seminiger in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-11: Fundmeldungen von Neomida haemorrhoidalis in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Folgenden Arten wurden erst wenige Male im Hügelland der Oberlausitz nachgewiesen und können ebenfalls als wertgebende Seltenheiten angesehen werden:
Abb. 34-12: Fundmeldungen von Ipidia binotata in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-13: Fundmeldungen von Teretrius fabricii in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-14: Fundmeldungen von Corticeus bicoloroides in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-15: Fundmeldungen von Ochina ptinoides in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-16: Fundmeldungen von Xylopertha retusa in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-17: Fundmeldungen von Euplectus infirmus in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-18: Fundmeldungen von Synchita mediolanensis in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-19: Fundmeldungen von Colydium filiforme in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-20: Fundmeldungen von Gnathoncus nidorum in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Abb. 34-21: Fundmeldungen von Mesocoelopus niger in Deutschland (laut www.coleoweb.de).
Das im Rahmen des FFH-Feinmonitorings (bei dem der Autor andere Vorkommensgebiete in Sachsen bearbeitet) regelmäßig alle 6 Jahre überprüfte Eremitenvorkommen in den zwei Alt-Eichen auf dem Familienfriedhof derer von Bressler konnte bestätigt werden. Es wurden sowohl Larven als auch Käfer beobachtet. Außerdem konnte ein weiterer Brutbaum gefunden werden: Südlich bzw. außerhalb des ringförmigen Walls, in dem sich der Familienfriedhof befindet, gibt es einen Rot-Eichen-Hochstubben mit großer Höhlenöffnung in 10 m Höhe. Am Stammfuß konnten die charakteristisch geformten und ca. 8 mm langen Kotpillen der 3jährigen Larven gefunden werden sowie auch Ektoskelettreste (Abb. 34-22)
Abb. 34-22: Neu entdeckter Brutbaum des Juchtenkäfers im NSG „Lauske“ (siehe auch Abb. 34-23).
Östlich der Ortschaft Lauske gibt es eine Lindenallee, die als Lebensraum und Entwicklungsort des Juchtenkäfer bekannt ist. Aber auch westlich von Lauske bzw. dem NSG „Lauske“ wurde aktuell ein weiteres Eremitenvorkommen entdeckt. In den Resten einer Obstbaumallee, die von Lauske nach Kleinzschorna führt, konnte am 7.8.2025 an der Stammfußhöhle eines alten Kirschbaumes ein Männchen von Osmoderma eremita beobachtet werden (Abb. 34-23). Es existieren leider nur noch wenige alte Obstbäume. Eine Nachpflanzung auf der gesamten Strecke zwischen Lauske und Kleinzschorna sowie eine regelmäßige Pflege während dringend erforderlich.
Abb. 34-23: Neu entdeckter Eremitenbrutbaum in der Obstbaum-Allee westlich des NSG „Lauske“.
Außerdem wurde auf einer Streuobstwiese unmittelbar nördlich von Kleinzschorna ein weiterer Eremitenbrutbaum gefunden (siehe Abb. 34-24).
Abb. 34-24: Positionen der neu entdeckten Juchtenkäfervorkommen im Obstbaum-Alleerest westlich des NSG „Lauske“ (gelbe Markierung; Position: 51°09’59.1‘‘N 14°36’51.5‘‘E)) und in der Streuobstwiese nördlich von Kleinzschorna (orange Markierung, Position: 51°09'44.9"N 14°36'50.6"E); grüne Punktlinie: Lindenallee (siehe Text); die rote Markierung kennzeichnet die Position der oben genannten Rot-Eiche mit Besiedlungsspuren des Juchtenkäfers (51°10'05.7"N 14°37'11.7"E).
Eine weitere faunistisch bemerkenswerte Käferart, über dessen Einstufung als „xylobiont“ i.w.S. sicherlich Diskussionsbedarf besteht, ist der ziemlich seltene Laufkäfer Laemostenus terricola (Abb. 34-25). Er wurde unter der Rinde einer abgestorbenen Buche gefunden. Ähnliche Fundumstände gab es 2020 im NSG „Großholz“ bei Lommatzsch. Außerdem wurde die Art im NSG „Seußlitzgrund“ nördlich von Meißen mit Hilfe einer Bodenfalle gefangen, die in 3 m Höhe in einer mit Mulm gefüllten Baumhöhle einer Rosskastanie positioniert war. Zudem gelang bei Pirna ein Nachweis in einer Bodenfalle, die am Stammfuß eines morschen, hohlen Bergahorn eingegraben war. Insofern könnte die Art zumindest als fakultativ xylobiont angesehen werden, da sie auch in Erdnestern von Wespen sowie unterirdischen Säugetierbauen gefunden werden kann.
Abb. 34-25: Der ziemlich seltene Laufkäfer Laemostenus terricola konnte unter der Rinde einer abgestorbenen Buche unterhalb der Wallburg an der Lausker Schanze gefunden werden.
Die Weichkäferart Ancistronycha erichsonii wurde beim Lichtfang nachgewiesen und gilt als montanes Faunenelement, von der es bisher noch keine aktuelle Fundmeldung aus dem Hügelland der Oberlausitz gab (Abb. 34-26).
Abb. 34-26: Als montane Weichkäferart dürfte Ancistronycha erichsonii im NSG „Lauske“ eher ein Vorposten-vorkommen haben (Foto: S. Krejcik).
Eine offensichtlich seltene an Erlenblättern fressende Blattkäferart in Sachsen ist Smaragdina flavicollis, da sie bisher noch nie in der Oberlausitz gefunden werden konnte (Abb. 34-27).
Abb. 34-27: Die Blattkäferart Smaragdina flavicollis wurde erstmals in der Oberlausitz gefunden (Foto: M.Fiala).
Der Ahorn-Blattroller (Chonostropheus tristis) wurde bisher erst wenige Male in Sachsen und der Oberlausitz gefunden (Abb. 34-28). Sie scheint ziemlich selten zu sein, breitet sich wahrscheinlich weiter aus.
Abb. 34-28: Vom Ahorn-Blattroller Chonostropheus tristis liegen nur wenige Fundmeldungen vor. (Foto: biolib.cz).
Die aquatischen Käfer wurden in erster Linie direkt im Kotitzer Bach an vier verschiedenen Stellen (siehe Abb. 34-03) mit Hilfe eines feinmaschigen Siebes („Imkersieb“) erfasst, indem das im fließenden Wasser liegende steinige und kiesige Material sowie Moos, dass in der Sprühzone auf Steinen wächst sowie Wasserpflanzen aufgewühlt und dahinter das Sieb gehalten, sodass das Feinmaterial im Sieb hängen bleibt. Anschließend wird das grobe Material aus dem Sieb entfernt und das Feinmaterial außerhalb des Wassers langsam getrocknet bzw. während des Abtropfens „aufmerksam beobachtet“. Die meist nur ein bis drei mm kleinen Käfer bewegen sich sehr langsam. Es kann mehrere Minuten dauern bis man Käfer entdeckt und bis zu einer halben Stunde, um alle Käfer zu finden. Der Vorgang wird mehrfach an unterschiedlich strukturierten Stellen im Bach wiederholt, um einigermaßen repräsentative Ergebnisse zu erzielen.
Mit der Wassersieb-Methode konnten acht „echte“ aquatische Arten mit überwiegender Bindung an Fließgewässer nachgewiesen werden. Wegen der Kleinheit und großen Ähnlichkeit der Käfer und der schwierigen Bestimmung, die in erster Linie nur mit Hilfe der Genitalpräparation sicher möglich ist, müssen immer mehrere Tiere mitgenommen werden. Weitere drei Arten wurden mit anderen Erfassungsmethoden nachgewiesen (Abb. 34-29).
Abb. 34-29: Liste der im NSG „Lauske“ nachgewiesenen aquatischen Käferarten mit Gefährdungs- und Schutzstatus sowie bevorzugter Habitatbindung (nach Koch 1989, 1991, 1992).
Dem äußeren Anschein nach macht das Kotitzer Wasser einen „guten Eindruck“, zumindest was die Gewässerstruktur betrifft. Der Bach ist weitestgehend unverbaut. Es gibt Prall- und Gleithänge, Stromschnellen, langsamer fließende Flachwasserzonen sowie bemooste, steinige und kiesige Abschnitte (Abb. 34-30 und 34-31). Dennoch scheint der Bach relativ stark beeinträchtigt zu sein. Im gesamten Fließgewässerabschnitt wurden Schwarzfärbungen auf den Steinen sowie größere, schlammige Partien gefunden, die auf Eutrophierung sowie Erosionsschäden aus den angrenzenden intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen hindeuten. Wegen des Anstaus und teilweisen Umleitens ist ein ca. 200 m langer Abschnitt oberhalb des Schanzeteich nahezu zum schlammigen Standgewässer degradiert.
Abb. 34-30: Kotitzer Wasser südlich von Kleinzschorna bachaufwärts (Standort „A“ in Abb. 34_03)
Abb. 34-31: Kotitzer Wasser südlich vom Schanzeteich bachaufwärts (Standort „C“ in Abb. 34_03)
Das nachgewiesene Artenspektrum lag deshalb im Rahmen der Erwartungen. Es konnten zwar noch ein paar Arten mit etwas höheren Ansprüchen an den Sauerstoffgehalt und eine relativ niedrige chemische Belastung gefunden werden. Wahrscheinlich gibt es kaum noch Einbindung ungeklärter Abwässer bzw. der fast flächendeckende Anschluss aller Haushalte an die Kanalisation und die Fortschritte bei der Abwasserreinigung haben eventuell zu einer Verringerung der allgemeinen chemischen Belastung geführt. Dennoch konnten stenöken Hydraena-Arten und Hackenkäferarten (Elmidae) nicht gefunden werden. Mit dem Nachweis von Hydraena riparia konnte aber eine laut Roter Liste Sachsen als „stark gefährdet“ eingestufte Art nachgewiesen werden (Abb. 34-32).
Abb. 34-32: Fundmeldungen von Hydraena riparia in Deutschland (laut www.coleoweb.de)
Weitere aquatische Arten mit Bindung an relativ naturnahe Bäche sind beispielsweise der die Langtasterwasserkäferarten Hydraena excisa und die ziemlich seltene Ochthebius bicolon (Abb. 34-33) sowie die Sumpfkäferart Odeles marginata. Am Bachufer auf einem bemoosten Stein konnte die recht seltene Kurzflüglerart Thinodromus arcuatus gefunden werden, von der es ebenfalls erst wenige Fundmeldungen aus Sachsen gibt. Außerdem fällt hier auf, dass es aus mehreren Regionen Deutschlands nur wenige aktuelle Fundmeldungen vorhanden sind bzw. es viele ältere Funde gibt (heller blaue Quadrate in Abb. 34-34).
Abb. 34-33: Fundmeldungen von Ochthebius bicolon in Deutschland (laut www.coleoweb.de)
Abb. 34-34: Fundmeldungen von Thinonomus arcuatus in Deutschland (laut www.coleoweb.de)
Der Schanzeteich als einziges Standgewässer im NSG ist ein ziemlich intensiv bewirtschafteter Fischteich, bei dem eine starke Trübung des Wassers beobachtet wurde (Abb. 34-35). Außerdem gibt es recht steile Ufer und keinen flachen Verlandungsbereich mit der typischen, z. T. submerser Vegetation, sodass dieses Gewässer selbst für weniger anspruchsvolle aquatische Käferarten suboptimal sein dürfte. Wegen des Elektrozaunes zur Abwehr von Fressfeinden der Zuchtfische (Fischotter, Waschbär) und um Ärger mit dem Bewirtschafter aus dem Weg zu gehen, wurden keine Kescherfänge im Teich und den Uferzonen durchgeführt. Beim Lichtfang auf dem Ruinenberg war der Teich sicherlich noch im Lichtkegel und damit im Anlockungsbereich. Nach langjährigen Erfahrungen werden vom Licht durchaus über mehrere Hundert Meter bis zu 30 aquatische Käferarten angelockt, wenn ein Gewässer in der Nähe ist. Am 7.8.2025 kam jedoch nur der Schwimmkäfer Illybius fuliginosus ans Licht geflogen. Es handelt sich um eine anspruchslose euryöke und überall häufig anzutreffende Art, die sich eventuell auch noch im trüben Schanzeteich entwickeln könnte.
Abb. 34-35: Der Schanzeteich – ein ziemlich intensiv bewirtschaftetes Fischereigewässer
Mit 264 xylobionten Käferarten, darunter mehrere aus naturschutzfachlicher und ökofaunistischer Sicht bemerkenswerte Arten ist das Erfassungsergebnis als überdurchschnittlich gut zu bewerten. Einige dieser besonderen Arten induzieren eine gewisse Habitattradition des Waldes und damit eine Kontinuität einer relativ naturnahen Bestockung, die die hohe Schutzwürdigkeit hervorhebt, was beispielsweise auch durch den Nachweis von neun sogenannten Urwald-Reliktarten untermauert werden konnte. Der Wald im NSG „Lauske“ hat aus entomofaunistischer Sicht eine große regionale und sogar überregionale Bedeutung, wobei es unter Berücksichtigung der umgebenden intensiv landwirtschaftlich geprägten Landschaft eine gewisse Isolation gibt. Es handelt sich quasi um die letzten Reste einer ursprünglich naturnahen Bestockung und die hier noch vorhandene Fauna ist an diesem Reliktstandort „gefangen“. Ob dies als Quelle für eine künftige Wiederbesiedlung umgebender Gehölze und Waldbestände fungieren kann, ist fraglich, denn derzeit kommt es zu einer immer intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung. Die Beseitigung naturnaher Kleinstrukturen in der Feldflur ist an der Tagesordnung und Kunstdünger- und Pestizideinsatz nehmen weiter zu. Die Industrie-Agrarlobby zerstört mit immer drastischeren Forderungen zur Ertragssteigerungen nach Beseitigung von Regulierungen bei einer gleichzeitig immer höheren Subventionsbedürftigkeit die Böden, das Grundwasser und damit die Lebensgrundlagen künftigerer Generationen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass alle naturnahen Kleinstrukturen, wie Feldgehölze, Obstbaumallee, Heckenstreifen in der offenen Feldflur bedroht sind und der immer größer werdenden Technik weichen müssen, damit die schweren Traktoren keinen Kratzen im Lack bekommen. Mit dem Totschlagargument „Verkehrssicherheit“ werden Allee und jeder Baum an Feldwegen und Straßen zu einem Sicherheitsrisiko erklärt und beseitigt. Dieser Kahlschlag nimmt immer absurdere Züge an. Insofern dürfte das neu entdeckte Eremitenvorkommen im Obstbaum-Alleerest zwischen Lauske und Kleinzschorna wohl bald verschwunden sein.
Obwohl dem äußeren Anschein nach das Kotitzer Wasser einer zumindest temporär negativ durch die von der Intensiv-Landwirtschaft verursachten Erosionsschäden (Eintrag von Ackerkrume und damit Schlammablagerung und Eutrophierung) beeinflusst wird, gibt es noch einige typische Fließgewässerarten, wie Hydraena riparia, H. excisa, Limnius volckmari, die etwas höhere Ansprüche an die Wasserqualität stellen. Erforderlich wären aber einerseits größere Abstände von Ackerflächen zum Fließgewässer und/oder eine naturschonendere Bewirtschaftung, wobei zur Erosionsverhinderung vegetationsfreier, kahler Ackerboden ab einer bestimmten Hangneigung vermieden werden muss.
Für Hinweise zur Ökologie und Verbreitung ausgewählter Käferarten und/oder Unterstützung bei der Bestimmung bedanke ich mich recht herzlich bei Olaf Jäger und Johannes Reibnitz.
Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 5: Wirbellose Tiere (Teil 3)“ – BfN-Schriftenreihe „Naturschutz und Biologische Vielfalt“, Heft 70 (5) Landwirtschaftsverlag (Münster).