Anfang des 20. Jahrhunderts wurden ca. 7.800 ha des vormals recht dünn besiedelten Gebiets der Königsbrücker Heide zum Truppenübungsplatz erklärt. In der ertragarmen Gegend mit vorwiegend sandigen Böden sind sieben Dörfer „geschliffen“ worden, und bis Anfang der 1990er Jahre diente es als militärisches Schieß-, Übungs- und Ausbildungsgelände (SMUL 2008). Im Sperrgebiet gab es durch die militärischen Aktivitäten große offene Heideflächen und wenig Wald. Die Vegetation wurde quasi in einem frühen Sukzessionsstadium gehalten. Dennoch sind auch Bereiche mit einer relativ geringen anthropogen beeinflussten Naturentwicklung erhalten geblieben. Beispielsweise konnten die zwei größeren Fließgewässer Pulsnitz und Otterbach einschließlich ihrer Zuflüsse ohne Begradigungen und Uferverbau oder Nährstoffeinträge durch Überdüngung landwirtschaftlicher Flächen und Erosion ungestört und relativ naturnah durchs Gebiet fließen. Weil keine land- und forstwirtschaftliche (Über-)Nutzung wie in der „Normallandschaft“ stattfand, hielten sich auch die negativen Auswirkungen auf die Natur in Grenzen. In den vergangenen 30 Jahren bzw. seit der Unterschutzstellung war es nicht möglich, die Käferfauna der Königsbrücker Heide zu erforschen, weil es augenscheinlich persönliche und administrative Animositäten gab sowie wahrscheinlich auch teilweise vorgeschobene Bedenken wegen der angeblich flächendeckenden Munitionsbelastung und damit ein striktes Betretungsverbot. Dem widerspricht die Tatsache, dass Studenten der Hochschule Bernburg dort mehrere Jahre beispielsweise faunistische Erfassungen zur Laufkäferfauna durchführen durften. Seit kurzem wurde es mit freundlicher Unterstützung des neuen Mitarbeiters Herrn Dr. Torsten Bittner jedoch möglich, unter strengen Auflagen und quasi unter Beaufsichtigung durch ortskundige Angestellte von Sachsenforst in ausgewählten Gebieten eine fachlich fundierte faunistische Erforschung auf freizeitentomologischer Basis zu beginnen. Erste Ergebnisse über die wasserbewohnende Käferfauna sind bereits publiziert worden (Jäger 2024). Nachdem im 30. Beitrag die 2023er und im 35. Beitrag die 2024er Fangergebnisse ausgewertet wurden, sollen hier nun weitere Ergebnisse der überwiegend eigenen Erfassungen aus dem Untersuchungsjahr 2025 vorgestellt werden, wobei v.a. die nichtaquatische Käferfauna betrachtet wird, die sich auf mehrere Untersuchungsflächen in der nördlichen Hälfte der Königsbrücker Heide beschränken.
Um wiederum ein möglichst breites Spektrum der tatsächlich vorhandenen nichtaquatischen Käferarten des Gebiets nachweisen zu können, kamen ähnlich wie 2023 und 2024 mehrere Fangmethoden zum Einsatz, z.B. Fensterkreuzfallen und Lichtfang sowie Handfänge mit Streifsack und einer speziellen Klopfschale (siehe 2023er Beitrag) an folgenden Terminen: - 03.04.2025: Handfänge und Installation von 4 Lufteklektoren (LuEkl) - 14.05.2025: Handfänge + 1. Leerung LuEkl - 10.06.2025: Handfänge + 2. Leerung LuEkl - 24.06.2025: Handfänge + Lichtfang Nr. 1 (Hopfgärtenmoor bei Zeisholz) - 14.07.2025: Handfänge + 3. Leerung LuEkl - 04.08.2025: Handfänge + Lichtfang Nr. 2 (Otterbachaue) - 14.08.2025: Handfänge + 4. Leerung LuEkl + Lichtfang Nr. 3 (Schwarzer Born) - 01.09.2025: Handfänge + Lichtfang Nr. 4 (Hopfgärtenmoor bei Zeisholz) - 29.09.2025: Handfänge + 5. Leerung + Abbau LuEkl - 12.12.2025: Handfänge Umgebung Otterbachaue Von April bis Oktober 2025 sind vier sogenannte Lufteklektoren (Kreuzfensterfallen) installiert worden. Hierbei handelt es sich um Plexiglaskonstruktionen mit 50 cm Höhe und 25 cm Breite, die in Baumkronen gehängt wurden und etwa alle 4 Wochen geleert wurden. 1. Tote Birke in der nördlichen Mitte des Gebiets (51°22‘16.6‘‘N 13°52’14.1‘‘E) 2. Tote Erle in Bruchwald unterhalb Schwarzer Born (51°21‘30.5‘‘ 13°53‘36.9‘‘E) 3. Kiefer mit Mistel bei Zeisholz (51°22’24.4‘‘N 13°53’02.1‘‘E) 4. Zitterpappel südwestlich Zeisholz (51°20’58.6‘‘N 13°53’45.8‘‘E) Alle Arten, die zweifelsfrei im Gelände identifiziert werden konnten, wurden notiert und wieder freigelassen. Das Fangmaterial aus den Fallen wurde im Labor mit Hilfe einer Lupenlampe und eines Stereomikroskops ausgelesen, wobei alle Käfer separiert und in 70%igem Alkohol konserviert wurden. Zusätzlich wurden alles Wildbienen und Grabwespen, Raubfliegen sowie Wanzen und Zikaden, die zufällig in die Fallen geraten sind, extra ausgelesen und ebenfalls in 70%igem Alkohol konserviert, um sie den Hymenopteren-Experten Dr. Andreas Scholz und Wolf-Harald Liebig und weiteren Spezialisten, wie Tommy Kästner aus Dresden sowie Michael Münch aus Chemnitz und Frau Dr. Sabine Walter aus Kurort Hartha zur Verfügung zu stellen.

Abb. 40-01: Beispiel für eine Fensterkreuzfalle an einer abgestorbenen Zitterpappel südwestlich von Zeisholz.

Abb. 40-02: Ronny Gutzeit, Olaf Jäger und der Autor (v. li. n. re.) beim „klassischen“ Lichtfang mit weißem Tuch, wo eine 250 W Mischlichtlampe installiert war.
Abb. 40-03: Als zweite Lichtfangmethode kam ein sogenannter Leuchtturm zum Einsatz, der möglichst abseits von obiger Lichtquelle aber dennoch in der Nähe aufgebaut wurde. Als Lichtquelle dienen entweder zwei akkubetriebene Leuchtstoffröhren (15 W Schwarzlicht + 15 W superaktinisch) oder LED und Mischlichtlampe.
Abb. 40-04: Zusätzlich wurde eine mit „Ento-LED“ bestückte Fensterkreuzfalle installiert, die während des Lichtfanges, d.h. für ca. 3 bis 4 Stunden in die Krone eines Baumes gehängt wurde. Es kam eine powerbankbetriebene LED-Einheit (1,1 W „LepiLED“) zum Einsatz.
Eine vierte Lichtfangmethode ist das nächtliche Ableuchten der Umgebung und von Totholz mit Taschen- und/oder Stirnlampe. Es gibt viele nachtaktive Käferarten, die nicht oder wenig fliegen und deshalb kaum mit den drei oben genannten Anlock-Lichtfangmethoden erfasst werden.
Abb. 40-05: „Klopfschale“ aus Kunststoff, mit dem man u.a. auch verpilztes Holz, Rinde und Äste abkehren kann, um die dort verborgenen, meist winzig kleinen Käfer zu erfassen, die man auf der hellen Fläche besser sieht.
Im Jahr 2025 konnten insgesamt 536 Käferarten nachgewiesen werden, von denen 32 Arten laut Bundesartenschutzverordnung als „gesetzlich besonders geschützt“ gelten (siehe Abb. 40_06, Abb. 40_07, Abb. 40_08; Spalte: „BAV“). 42 Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten Deutschlands (die jedoch eigentlich, wenn überhaupt, nur eine westdeutsche Rote Liste ist, weil die meisten aktiven ostdeutschen Entomologen nicht einbezogen wurden und damit deren fundierte faunistische Kenntnisse keine Berücksichtigung fanden), darunter folgende Einstufungen: - „1“ (= vom Aussterben bedroht“): 1x: Neomida haemorrhoidalis galt noch vor etwa 10 Jahren als große Seltenheit und nach Müller et al. (2005) als sogenannte Urwald-Reliktart. In Sachsen war bis dato nur ein Vorkommen in der Sächsischen Schweiz bekannt (Lorenz 2006a). Seit wenigen Jahren ist aber eine massive Ausbreitung zu beobachten, sodass die Art mittlerweile fast in ganz Sachsen verbreitet und häufig geworden ist (Jäger & Lorenz 2022). Die Art konnte auch in den zurückliegenden Jahren 2023 und 2024 in der Königsbrücker Heide gefunden werden; - „2“ (= stark gefährdet): 4x: Mycetophagus decempunctatus, Prionychus melanarius, Corticeus bicoloroides und Necydalis major wobei die zwei zuerst genannten Arten auch in den Vorjahren gefunden worden sind; - „3“ (= gefährdet): 21x: Ampedus pomonae, Ampedus nigroflavus, Oedostethus quadripustulatus, Drapetes mordelloides, Dermestes bicolor, Attagenus punctatus, Colydium elongatum, Dorcatoma robusta, Meloe proscarabaeus, Allecula morio, Pseudocistela ceramboides, Bolitophagus reticulatus, Corticeus bicolor, Uloma culinaris, Saperda perforata, Cryptocephalus bilineatus, Longitarsus pellucidus, Neocrepidodera nigritula, Allandrus undulatus, Rhyncolus elongatus, Rhinusa neta; - „G“ (Gefährdung unbekannten Ausmaßes) 8x: Euconnus rutilipennis, Tachyusa objecta, Lamiogethes persicus, Olibrus bicolor, Laemophloeus muticus, Sulcacis bidentulus, Choragus horni, Pissodes validirostris; - „D“ (Gefährdung anzunehmen, aber Daten defizitär) 8x: Cercyon sternalis, Contacyphon ochraceus, Astylogethes subrugosus, Arthrolips nana, Calvia quindecimguttata, Xyletinus vaederoeensis, Corticeus fraxini, Curculio elephas ; - „R“ (extrem seltene Arten) 3x: Bothrideres bipunctatus wird seit 15 Jahren immer häufiger und kann unter verpilzter Rinde manchmal in großer Zahl gefunden werden und Philorhizus crucifer, der aber schon mehrfach in Sachsen nachgewiesen werden konnte; - „V“ (Vorwarnliste): 27x: Anthracus consputus, Ilybius guttiger, Berosus frontifoveatus, Stenus solutus, Charopus concolor, Ctenicera pectinicornis, Actenicerus sjaelandicus, Stenagostus rufus, Cardiophorus nigerrimus, Hylis olexai, Agrilus hyperici, Heterocerus obsoletus, Cerylon deplanatum, Triplax rufipes, Orthocis reflexicollis =lucasi, Cordicomus gracilis, Mordellistena parvula, Orchesia micans, Prionychus ater, Bodilopsis sordida, Maladera holosericea, Protaetia speciosissima, Protaetia marmorata, Obrium cantharinum, Cassida prasina, Lasiorhynchites caeruleocephalus, Sibinia pyrrhodactyla; Nach Schmidl & Bussler (2004) gelten 18 Arten als sogenannte „Indikatorarten“, d.h. sie besitzen eine große ökologische und bioindikatorische Relevanz und unterstreichen den hohen naturschutzfachlichen Wert der Alt- und Totholzstrukturen im Gebiet ((siehe Abb. 40_06, Abb. 40_07, Abb. 40_08; Spalte „IA“). Darunter befinden sich vier sogenannte Urwald-Reliktarten (Müller et al. 2005, Eckelt et al. 2017), wobei Mycetophagus decempunctatus und Corticeus bicoloroides in beiden Listen zu finden sind sowie Neomida haemorrhoidalis nur in der zuerst genannten Liste und Prionychus melanarius nur in der zuletzt genannten Liste. Alle Rote-Liste-Arten (sogenannte bundesdeutsche als auch diverse sächsische, die es nur für wenige Käfergruppen gibt), gesetzlich geschützten Arten sowie sonstige faunistische Besonderheiten (subjektive Einschätzung des Autors auf Grundlage einer 45jährigen entomofaunistischen Tätigkeit in Sachsen) sind in Abb. 40_06, Abb. 40_07 und Abb. 40_08 aufgelistet. Mehrere Arten aus den 2025er Erfassungen sind faunistische Besonderheiten, weil sie erst wenige Male in Sachsens bzw. der Oberlausitz gefunden werden konnten: Für die gut durchforschte Oberlausitz können nach bisherigem Kenntnisstand (siehe: die Bände 1-3 der „Oberlausitzfauna“: Klausnitzer et al. 2009, Vogel 2013, Klausnitzer et al. 2018) und nach Fundmeldungen im online-Portal „www.coleoweb.de“ folgende Käferarten als faunistische Besonderheiten hervorgehoben werden: Die nachfolgend abgebildeten Fundmeldungskarten stammen aus dem überwiegend ehrenamtlich betriebenen Portal „www.coleoweb.de“. Für das Mitteilen und aktualisieren von Funddaten gibt es für jedes Bundesland mindestens einen Verantwortlichen. Dieser ist auf die Übermittlung von Funddaten der aktiven Entomologen angewiesen und investiert entsprechende Freizeit, um unentgeltlich den Datenbestand einzupflegen. Da dies nicht immer sofort erfolgt und einige Sammler ihre Funde nicht zeitnah oder überhaupt nicht melden, sind auch die Fundpunktkarten nicht immer auf dem aktuellen Stand. Sie spiegeln aber in den meisten Fällen recht gut die Verbreitungssituation wider. Die Diskrepanz bezüglich Aktualisierungen ist aus den Abbildungen manchmal ersichtlich, wenn beispielsweise noch keine blauen Quadrate zu sehen sind, hier aber die 2025er Neu- bzw. Wiederfunde für die sächsische bzw. oberlausitzer Käferfauna mitgeteilt wurden.

Abb. 40-09: Ein Exemplar der Rindenplattkäferart Laemophloeus muticus wurde im Mai 2025 im Lufteklektor gefangen, der an der Zitterpappel im Hopfegärtenmoor südwestlich von Zeisholz hing. Der Nachweis kann als große faunistische Besonderheit hervorgehoben werden. Es ist erst der zweite Nachweis in Sachsen und laut www.coleoweb.de die vierte aktuelle Fundmeldung in Deutschland. Der bisher einzige Fund aus Sachsen gelang im April 1996 in einem Birkenwald bei Zabeltitz (leg., det. et coll. E. Jantke).

Abb. 40-10: Zwei Exemplare der Rindenkäferart Colydium noblecourti konnten im Juni 2025 im Lufteklektor nachgewiesen werden. Die Art wurde erst vor zwei Jahren beschriebenen bzw. vom ähnlichen Colydium elongatum abgespalten. Es ist ein Erstnachweis für die Käferfauna der Oberlausitz. Bisher lag nur eine aktuelle Fundmeldung aus Sachsen vor: Nossen Mai 2022. Fraglich ist, ob die „Art“ bisher nicht als solche erkannt wurde oder es zu einer Ausbreitung in den letzten Jahren kam.

Abb. 40-11: Ein Exemplar der Erdflohkäferart Longitarsus holsaticus wurde zur Winterexkursion am 12.12.2025 am Ufer des Lugbergweihers im zentralen Teil der Königsbrücker Heide gefunden. Das Tier wurde erbeutet, in dem man eine weiße Kunststoffschale vorsichtig unter überhängende Binsen und Seggen geschoben und dann ausgeschüttelt. Nach Klausnitzer et al. (2018) dürfte es erst der zweite Nachweis in der Oberlausitz sein, nachdem W. Hoffmann die Art 2011 an einem verlandeten Teich bei Hoyerswerda gefunden hatte.

Abb. 40-12: Der Nachweise von einem Exemplar der sehr seltenen Breit- Rüssler Allandrus undulatus gelang meinem Kumpel R. Gutzeit Mitte Juni 2025 Lichtfang bzw. beim nächtlichen Ableuchten von Zitterpappel-Totholz westlich der Ortschaft Zeisholz im Norden der Königsbrücker Heide. Nach Klausnitzer et al. (2009) lag bisher nur eine Fundmeldung aus dem Jahr 1990 von W. Richter aus Niederoderwitz vor und aus dem Jahr 2007 von W. Hoffmann aus der Bergbaufolgelandschaft nördlich von Hoyerswerda.

Abb. 40-13: Zur Winterexkursion am 12.12.2025 konnten vier Exemplare (2 Männchen, 2 Weibchen) der 3 mm kleinen Laufkäferart Philorhizus crucifer - wie oben beim Erdflohkäfer beschrieben - mit der „Klopfschale“ gefangen werden. Die Bestimmung dieser erst vor wenigen Jahren für Sachsen nachgewiesenen Art ist schwierig. Die bisherigen Fundmeldungen laut dem Portal „www.coleoweb.de“ deuten eine ungewöhnliche Verbreitung an: einerseits an Nord- und Ostseeküste und andererseits vor allem im östlichen Sachsen. Der Erstnachweis in Sachsen gelang aber A. Weigel (mündl. Mitt.) im Jahr 2005 in den Kammlagen des mittleren Erzgebirges bei Satzung (Hirtstein).

Abb. 40-14: Mitte August 2025 konnte ein Exemplar der Ameisenkäferart Euconnus rutilipennis per Lichtfang am Ufer vom Teich Schwarzer Born südöstlich von Zeisholz im nördlichen Teil der Königsbrücker Heide nachgewiesen werden. Aktuelle Fundmeldungen sind laut dem Portal „www.coleoweb.de“ bisher nur aus der Oberlausitz bekannt, die sich auf die Eignen vom 2007 aus dem Heide- und Teichgebiet bei Steinitz und Koblenz beziehen. Die meisten Tiere wurden an Gewässerufern mit Binsen und Seggen gefunden.

Abb. 40-15: Zur Winterexkursion am 12.12.2025 konnte ein Exemplar des 3 mm kleinen Kurzflüglers Stenus crassus - wie oben beim Erdflohkäfer und Laufkäfer beschrieben - mit der „Klopfschale“ gefangen werden. Die Art scheint ziemlich selten zu sein und wurde häufiger in Norddeutschland gefunden.

Abb. 40-16: Anfang April 2025 konnte ein männliches Exemplar des nur 1,5 mm kleinen Kurzflüglers Cypha tarsalis beim Autokescherfang erfasst werden, wobei durch die nördliche Mitte der Königsbrücker Heide gefahren wurde. Nach Vogel (2013) gibt es mehrere, überwiegend ältere (vor 2000) Nachweise aus der Oberlausitz, vor allem mit folgendem Hinweis zu den Fundumständen: „aus Bodenstreu an Kiefern“. Jedoch werden auch Autokescher und „von niedriger Ufervegetation“ genannt.

Abb. 40-17: Eigenartigerweise hat sowohl Kollege Olaf Jäger als auch ich beim Lichtfang am Teich „Schwarzer Born“ Mitte August 2025 je ein Exemplar der Sägekäferart Heterocerus obsoletus gefunden, zusammen mit den zwei anderen Arten der Gattung: H. fusculus und H. fenestratus. Während die zwei zuletzt genannten allgemein verbreitet sind und regelmäßig per Lichtfang nachgewiesen werden, gilt H. obsoletus als salzaffin und besonders an den Küsten von Nord- und Ostsee verbreitet, wurde aber auch schon mehrfach aus der Nordhälfte Deutschlands gemeldet.

Abb. 40-18: Zur Winterexkursion am 12.12.2025 wurde am Lugbergweiher ein Exemplar der Blütenmulmkäferart Cordicomus gracilis nachgewiesen

Abb. 40-19: Mitte Juni 2025 konnte ein männliches Exemplar der Stachelkäferart Mordellistena bicoloripilosa beim Streifsackfang auf der großen, relativ artenreichen Wiese westlich von Zeisholz gefangen werden. Laut www.coleoweb.de gibt es bisher nur wenige Fundmeldungen aus Sachsen, was aber höchstwahrscheinlich an der schweren Bestimmbarkeit der sehr artenreichen Gattung liegt. Ohne die Präparation der männlichen Genitalien, v.a. der Parameren ist eine sichere Determination nahezu unmöglich. Viele Arten sind eher südeuropäisch verbreitet und wärmeliebend und scheinen sich im Zuge der anthropogen verursachten Klimaerwärmung weiter nach Norden auszubreiten. Einige Arten entwickeln sich in den Stängeln bestimmter krautiger Pflanzenarten, andere sin an Totholz gebunden – benötigen aber meisten blütenreiche, sonnige, naturnahe Offenland-Lebensräume.

Abb. 40-20: Im Juli 2025 wurde im Lufteklektor der an einer abgebrochenen Birke hing ein Exemplar der seltenen Schwarzkäferart Corticeus bicoloroides gefunden. Laut www.coleoweb.de gibt es bisher erst wenige Fundmeldungen aus Sachsen. Dennoch wird die Art seit ein paar Jahren häufiger gefunden. Der Erstnachweis für Sachsen gelang 1997 im Großen Garten in Dresden (Lorenz 2001). Seitdem konnte ich die Art an acht Fundorten in ganz Sachsen finden, sowohl in Westsachsen bzw. dem NSG „Prießnitz“ bei Frohburg, als auch in Ostsachsen bzw. dem NSG „Lauske“ bei Weißenberg sowie mittleren Sachsen bzw. im NSG „Großholz“ bei Lommatzsch.

Abb. 40-21: Im Juli 2025 wurde im Lufteklektor der in der Bachaue unmittelbar unterhalb vom Teich „Schwarzer Born“ an einer toten Erle hing ein Exemplar des Wespenbocks Necydalis major gefangen. Von dieser nicht häufigen Bockkäferart, die sich in verschiedenen Laubholzarten entwickelt, gibt es zwar mehrere Fundmeldungen in Sachsen, wird aber meist nur in Einzelexemplaren gefunden.

Abb. 40-22: Von Mitte Juni bis Mitte August 2025 konnte die Fallkäferart Cryptocephalus bilineatus per Streifsackfang mehrfach auf der großen, relativ artenreichen, weil magere Wiese westlich von Zeisholz nachgewiesen werden. Die bisherigen Fundnachweise beschränkten sich nach www.coleoweb.de v.a. auf die östliche Oberlausitz. Wahrscheinlich entwickelt sich diese Blattkäferart an Margerite und/oder Filzkraut (Rheinheimer & Hassler 2018).

Abb. 40-23: Ein Exemplar der offenbar ziemlich seltenen Blattflohkäferart Neocrepidodera nigritula konnte per Streifsackfang im vergrasten, lichten Kiefern-Birken-Mischwald in der Nähe vom Teich „Schwarzer Born“ gefangen werden. Nach Klausnitzer et al. (2009) gab es bisher nur zwei ältere Funde von Max Sieber aus der Oberlausitz, einerseits von 1995 aus dem NSG „Dubringer Moor“ und andererseits von 1977 vom Rotstein. Somit dürfte es sich um den ersten Nachweis für die Käferfauna Sachsens seit der Jahrtausendwende handeln. Laut Rheinheimer & Hassler (2018) sind keine konkreten Angaben zu den Fraßpflanzen bekannt - auch gibt es widersprüchliche Angaben zum Lebensraum: einerseits Feuchtwiesen, Sümpfe Moore und andererseits trockene Kalkwälder.

Abb. 40-24: Im Mai 2025 konnte die Borkenkäferart Xyleborinus attenuatus mehrfach in drei der vier installierten Lufteklektoren nachgewiesen werden. Die ursprünglich aus Ostasien stammende Art wurde vor ein paar Jahrzehnten auch nach Europa eingeschleppt und hat sich hier etabliert. Manchen Angaben zufolge gilt sie als invasiv. Die ersten Nachweise aus Sachsen stammen von Anfang der 2000er Jahre, noch unter dem alten Namen Xyleborus alni (Klausnitzer et al. 2009). Xyleborinus attenuatus gehört zu den sogenannten Abrosia-Borkenkäfern. Sie bohren Löcher ins frische Holz und „züchten“ darin Ambrosia-Pilze, von denen sich die Larven ernähren. Bei uns werden verschiedene Laubholzarten befallen, z.B. Weiden, Erlen, Birken, Zitterpappeln usw.

Abb. 40-25: Im Juni 2025 konnte ein Exemplar des Dunklen Kiefernblütenrüsslers Doydirhynchus austriacus im Lufteklektor im Norden der Königsbrücker Heide nachgewiesen werden. Von der nicht häufigen Art gibt es laut www.coleoweb.de nur wenige Fundmeldungen aus Sachsen. Man sie an ehesten im Frühjahr von blühenden Kiefern klopfen oder eben zufällig in Fensterfallen, die in der Nähe von blühenden Kiefern stehen.

Abb. 40-26: Zur Winterexkursion am 12.12.2025 wurde am Lugbergweiher ein Exemplar der Kurzflüglerart Arpedium brachypterum nachgewiesen und damit bereits die fünfte faunistische Besonderheit des Jahres 2025. Wahrscheinlich spielt sowohl die etwas ungewöhnliche Fangmethode (Klopfschale) als auch der Zeitpunkt (milder Wintertag) eine Rolle, dass überproportional viele „Käfer-Highlights“ gefunden wurden – sowie sicherlich auch die hohe naturschutzfachliche Qualität des Fundortes? Seit 100 Jahren gab/ gibt es dort bis auf gelegentliche militärische Aktivitäten keinerlei anthropogene Beeinträchtigungen, v.a. keine intensive industrielle Landwirtschaft mit rücksichtlosem Pestizid-, Mineraldünger- und Großtechnikeinsatz, die aus Sicht der Natur der Supergau ist. Bisher gibt es aus Sachsen nur wenige Fundmeldungen, namentlich aus der Umgebung von Moritzburg nördlich von Dresden, wo ich die Art an den Ufern der dortigen Teiche mit eben dieser Klopfschale finden konnte sowie per Lichtfang.
Als größte auch überregional bedeutsame Seltenheit der 2025er Erfassungen in der Königsbrücker Heide kann der Plattkäfer Laemophloeus muticus besonders hervorgehoben werden, weil es deutschlandweit nur wenige Fundmeldungen gibt (Abb. 33). Mit 536 Käferarten, die innerhalb nur einer Vegetationsperiode mit wenigen Erfassungen auf freizeitentomologischer Basis zusammengetragen wurden, darunter viele faunistisch bemerkenswerte Seltenheiten, ist wiederum ein überraschend gutes Ergebnis erzielt worden. Es wird das große Potenzial der Königsbrücker Heide als Refugium einer Vielzahl an gesetzlich geschützten, gefährdeten und seltenen Käferarten sichtbar, wenngleich diese einjährige stichprobenhafte Bestandsaufnahme mit großer Wahrscheinlichkeit noch nicht als repräsentativ eingestuft werden kann und die weitere Erforschung der Käferfauna der Königsbrücker Heide wünschenswert wäre, um weitere Kenntnisse über die tatsächliche Artenvielfalt zu erhalten. Dennoch kann das Gebiet anhand dieses Zwischenergebnisses als essentieller Lebensraum einer Vielzahl an gesetzlich geschützten sowie ökofaunistisch und naturschutzfachlich wertgebenden Käferarten angesehen werden, und sie hat aus entomofaunistischer Sicht eine große überregionale, eventuell sogar deutschlandweite Bedeutung. Als einzigartig an der Königsbrücker Heide kann unter Berücksichtigung der ausgeräumten urbanen Umgebung hervorgehoben werden, dass es offensichtlich eine der wenigen Flächen ist, wo sich seit 30 Jahren anthropogen kaum beeinflusste Habitatstrukturen entwickeln konnten bzw. auf dem Großteil der Fläche eine ungestörte Sukzession zugelassen wurde. Von großem naturschutzfachen Wert sind einerseits die unverbauten Bachauen und angrenzende Teiche und Röhrichte sowie bachbegleitende Erlenwälder an Pulsnitz, Otterbach, Bohraer Wasser Tännichtbach u.a. wo eine natürliche Fließgewässerdynamik vorherrscht und andererseits die relativ großen offenen Sand- und Heideflächen, aber auch magere Wiesen und Ruderalfluren, die allerdings einer gewissen extensiven Pflege bzw. Bewirtschaftung unterliegen (müssen). Die Schutzwürdigkeit kann aus Sicht der hier untersuchten Tiergruppe nachgewiesen werden. Insgesamt konnten in den Jahren 2023, 2024 und 2025 mit den oben genannten Erfassungsmethoden mindestens 1.154 Käferarten in der Königsbrücker Heide nachgewiesen werden, wobei reichlich 12.000 Käfer erfasst wurden. Einige besonders schwer zu bestimmende Arten werden derzeit noch von Spezialisten überprüft. Ein Großteil des ausgewerteten Materials stammt von eigenen Erfassungen, aber auch mein Kollege Ronny Gutzeit, der an vielen Exkursionen, v.a. den Lichtfängen teilgenommen hat, stellte freundlicherweise sein gesammeltes Material und die Beobachtungsergebnisse zur Verfügung, v.a. auch die Daten über seine Spezialgruppe, die Bockkäfer (Cerambycidae). Es liegt in der Natur der Sache, dass vier Augen mehr sehen als zwei und er eine individuelle Herangehensweise bei den Geländeerfassungen entwickelt hat, sodass er fast immer exklusive Arten findet auf den Flächen, auf denen wir gemeinsam Erfassungen durchführen. Beispielsweise gehen auf ihn die Nachweise von solch faunistischen Besonderheiten, wie z.B. der FFH-Art Scharlachkäfer (Cucujus cinnabarinus), der Breitrüsslerart Allandrus undulatus oder der Spitzmausrüssler Microon sahlbergi zurück. Weiteres relativ umfangreiches Datenmaterial hat Kollege Olaf Jäger erfasst. Neben seiner Spezialgruppe, den aquatischen Käfern gibt es auch noch Beifänge aus den Malaisefallen, das noch nicht vollständig ausgewertet ist sowie von den Lichtfängen. Obwohl die Königsbrücker Heide viele Jahrzehnte militärisch genutzt wurde und es große waldfreie Flächen gab, die seit der Unterschutzstellung größtenteils einer natürlichen Sukzession und damit der Wiederbewaldung unterliegen, blieben wahrscheinlich auch bestimmte Waldflächen erhalten, die eine lange Habitattradition haben. Offenbar gehören einige der auf den nährstoffarmen, trockenen sandigen Böden stockenden lichten Birken-Kiefern- Mischwälder dazu, die entsprechend forstwissenschaftlicher Einteilung nach Schmidt (1995) der potenziell natürlichen Waldgesellschaft „Zwergstrauch- oder moosreiche Sand-Kiefernwälder“ (Dicrano-Pinenion) zugeordnet werden können. Auf den ersten Blick scheinen solche lichten schwachwüchsigen Wälder wenig spektakulär zu sein, vor allem auch weil kein stärker dimensioniertes Totholz und ausgeprägte Höhlenbäume vorhanden sind. Dennoch wurde dort eine entomofaunistische Besonderheit entdeckt, die für eine gewisse Wald-Habitattradition prädestiniert zu sein scheint, der an Birken gebundene Plattkäfer Laemophloeus muticus (Abb. 33). Laut der beiden Listen von Müller et al. (2005) und Eckelt et al. (2017) wird sie als Urwald- Reliktart höchster Kategorie eingestuft.

Abb. 40-27: Der Plattkäfer Laemophloeus muticus kann nach eigener Einschätzung als größte faunistische Besonderheit der dreijährigen Erfassungen noch einmal extra hervorgehoben werden. Es ist laut www.coleoweb.de erst der zweite Nachweis in Sachsen und die vierte aktuelle Fundmeldung in Deutschland.
In der Veröffentlichung von Müller et al. (2005) werden auf Basis der Liste der xylobionten Käfer Deutschlands (Schmidl & Bussler 2004) eine Definition für sogenannte „Urwaldrelikt-Arten“ formuliert und 115 Käferarten aufgelistet, die in Deutschland als Urwaldreliktarten bezeichnet werden können. Nach den folgenden Kriterien erfolgt die Auswahl der Arten: - reliktäres Vorkommen in Mitteleuropa - Bindung an Habitattradition sowie Kontinuität der Alters- und Zerfallsphase des Waldes - hohe Ansprüche an Totholzqualität und -quantitäten - aus forstlich geprägten Wäldern weitestgehend verschwunden Als Beispiel erwähnen Müller et al. (2005) ein Naturwaldreservat im Spessart, in den es acht rezente Urwaldreliktarten gibt und diesen Bestand als „...einen der wichtigsten urständigsten Waldbestände Deutschlands“ hervorheben. Entsprechend dieser Liste kann auf Grundlage der von 2023 bis 2025 durchgeführten Untersuchungsergebnissen für die Königsbrücker Heide bereits eine Zahl von sieben Urwaldreliktarten genannt werden (Tab. 2, Spalte URA „M“). Nach der überarbeiteten, auf ganz Mitteleuropa bezogenen, Urwaldreliktartenliste von Eckelt et al. (2017) sind bisher neun Urwald- Reliktarten in der Königsbrücker Heide gefunden worden (siehe Abb. 40_28, Spalte URA „E“.

Abb. 40_28: Bisher in der Königsbrücker Heide nachgewiesene sogenannte Urwaldreliktarten nach Müller et al. (2005) und Eckelt et al. (2017)
Die in Abb. 40_28 aufgelisteten Habitatstrukturen und Informationen zum Nachweis verdeutlichen, dass besonders die noch relativ naturnahen fließgewässerbegleitenden Gehölze entlang von Pulsnitz, Tännichtbach und Otterbach von großer Bedeutung für diese bioindikatorisch besonders relevanten Arten sind, auch auf Grund ihrer engen Bindung an Altholzstrukturen mit einer langen Habitattradition.
Da unterschiedliche Erfassungsmethoden zum Einsatz kamen, sind fast alle ökologischen Gruppen der Käfer gefangen worden. Auf Grund der mannigfaltigen Lebensweise ist eine detaillierte Differenzierung/Einteilung schwierig. Es wurde versucht einen Kompromiss zwischen Hauptlebensraum und Ernährungsweise der Imagines zu finden (Abb. 40_29). Das Primat der Inventarisierung lag bei den Holz- und Pilzkäfern, die vor allem mit den Lufteklektoren erfasst wurden, weil diese nicht einfach irgendwie in gesunde Bäume, sondern gezielt in besonders „ertragreiche“ Bäume gehängt wurden, d.h. in absterbende oder frisch abgestorbene Bäume mit morschen, hohlen Stamm- und Starkastpartien sowie trockenen Ästen, Baumpilzbewuchs usw. bzw. in die Nähe von solchen Strukturen. Aber auch mit Hilfe des Lichtfangs können viele Xylobionte erfasst werden. Insofern ist diese ökologisch sehr vielgestaltige Gruppe mit 402 Arten auch am stärksten vertreten. Bei den Exkursionen kam jedoch auch regelmäßig der Streifsack und Klopfschirm/ Klopfschale zum Einsatz, sodass auch die damit überwiegend nachweisbaren Käfer der Strauch- und Krautschicht, v.a. Phytophage mit 362 Arten recht gut vertreten sind. Die meisten am Boden aktiven Arten, v.a. Laufkäfer und Kurzflügler (271 Arten) sowie aquatische Käferarten (96 Arten) sind überwiegend mit Hilfe der Lichtfänge angelockt worden (Abb. 40_29).

Abb. 40_29: Übersicht des nachgewiesenen Artenspektrum entsprechend ihres Lebensraums
Eine Übersicht von den Ergebnissen entsprechend der Erfassungsmethoden gibt Abb. 40_30. Die Auswertung anhand der Individuenzahlen ist zwar kritisch zu bewerten, soll aber dennoch ein Versuch sein, die Diskrepanz zwischen reinen technischen Erfassungsmethoden und der „mühseligen“ und auf langjährigen Erfahrungen beruhenden Geländearbeit und damit der „Personalabhängigkeit“ und der eventuell damit zusammenhängenden (Nicht-)Repräsentativität von Forschungsergebnissen zu lenken? Sollte die Effizienz bzw. das Verhältnis von Arten- und Individuenzahlen eine Rolle spielen? Methodenstandards sind hilfreich für eine Vergleichbarkeit. Besteht aber nicht die Gefahr, dass man mit einer zu starken Standardisierung nur Allerweltsarten nachweist, die eine geringe oder keine ökologische Aussagekraft besitzen? Ließe sich ein Monitoring mit einer Inventarisierung/ Erforschung der Biodiversität sinnvoll kombinieren? Bezogen auf die drei Haupterfassungsmethoden konnten mit Handfängen meisten Arten (605) ermittelt werden, davon sind knapp die Hälfte (293) exklusive Arten, d.h. sie sind nur mit dieser Methode nachgewiesen worden. Mit den Handfängen mit aber auch die niedrigsten Individuenzahlen zu verzeichnen (höchstens 2.000, weil die im Gelände zweifelsfrei bestimmbaren Arten nur notiert und nicht getötet wurden). Aber auch mit den Lichtfängen bzw. der hier gleichzeitig angewandten vier Lichtfang-Erfassungsmethodenkombination (siehe oben) sind ähnlich hohe Artenzahlen erzielt worden (insgesamt 573 Arten bzw. mit 297 sind reichlich die Hälfe exklusive Arten), mit allerdings einer sehr viel höheren Individuenzahl von fast 7.000. Mit der „rein technischen“ Lufteklektorfangmethode (2 Jahre mit drei und 1 Jahr mit 4 Eklektoren) kamen nur 394 Arten zusammen, davon etwa ein Drittel (147) exklusive Arten und einer moderaten Individuenzahl von reichlich 3.000. Die anderen drei Methoden wurden nur versuchsweise mit geringem Aufwand erprobt, lieferten bei geringen Arten und Individuenzahlen dennoch auch einige exklusive Arten.

Abb. 40_30: Übersicht des nachgewiesenen Artenspektrum und der Individuenzahlen bezogen auf die Erfassungsmethoden (bei den Säulendiagrammen bedeuten die roten Segmente, dass es sich um exklusive Arten handelt, d.h. sie wurden nur mit dieser Methode nachgewiesen)
Abschließend soll auf einen besonders ergiebigen Lichtfang genauer eingegangen werden, der am 1.8.2024 stattfand. Es herrschten nahezu optimale äußere Bedingungen: eine schwülwarme, windarme Witterung, wobei gegen 1 Uhr nachts trotz über 20 °C abgebrochen werden musste, weil eine Gewitterfront aufzog. Zudem wurde ein offensichtlich optimaler Standort gefunden: einerseits am Rande der großen Sandbrache/ Silbergrasflür (Abb. 40_31) und andererseits in unmittelbarer Nähe der Pulsnitzaue, d.h. es wurden Arten sowohl aus Trocken- als auch aus Feuchtbiotopen angelockt. Als negativ kann die Superkolonie der Ameisenart angesehen werden, die zu Tausenden vor Ort waren und jedes Insekt, das auf dem Boden landete, attackierten. Ein ähnliches Phänomen konnte 2019 auf dem Dresdner Heller beobachtet werden, bei dem es sich um die Aschgraue Sklavenameise (Formica cinerea) gehandelt hatte. Eigenartigerweise waren die Ameisen nur horizontal unterwegs und kletterten kaum vertikal das senkrechte Tuch hinauf. Die auf das Bodentuch landenden Käfer mussten schnell angesammelt werden, bevor meistens mehrere Ameisen ihrer habhaft wurden und wegschleppten. An der Lichtfanganlage lag ein säuerlicher Geruch nach Ameisensäure in der Luft. Ans Tuch (weißes Laken) mit den zwei 160 W- Mischlichtlampen kamen 144 Käferarten wobei über 800 Käfer erfasst wurden (die Anzahl der 15 bereits im Gelände leicht bestimmbaren Arten wurde geschätzt). Am Turm (Abb. 40_32) sind 70 Arten registriert worden, und die 1-Liter-Flasche am Lufteklektor mit der Ento-LED, der ca. drei Stunden in einem Erlengehölz in der Pulnsitzaue hing, war faktisch voll (auch mit Nachtfaltern, Wanzen, Zikaden usw.), wobei 109 Käferarten in 1626 Individuen ausgelesen und bestimmt wurden. Das individuelle Ableuchten der Umgebung/von Totholz usw. mit Taschen- und/oder Stirnlampe kam zu kurz (nur 4 Arten), weil der Anflug so extrem gut war, dass ständig neue Arten beobachtet wurden. Insgesamt sind an diesem Abend 212 Käferarten nachgewiesen worden, darunter mehrere exklusive Arten, wie beispielsweise der Laufkäfer Polistichus connexus, der Wasserkäfer Hydrochara flavipes, die Kurzflügler Bledius tricornis und Achenium depressum, der Halskäfer Mecynotarsus serricornis und der Algenfarn-Rüsselkäfer Stenopelmus rufinasus. Als nicht alltäglicher Beifang konnten u.a. die Gottesanbeterin (Abb. 40_33), das Weinhähnchen (Abb. 40_34) und der Sandohrwurm (Abb. 40_35) beobachtet werden.
Abb. 40_31: Die große „Sandbrache“ unmittelbar neben der Pulnitzaue ist ein interessanter Lebensraum für stenöke Arten mit Bindung an nährstoff- und vegetationsarme sandige Trockenstandorte.
Abb. 40_32: Spitze des Leuchtturmes am 1.8.2024 mit Hunderten von angelockten Laufkäfern, v.a. Harpalus rufipes
Abb. 40_33: Fangschrecke (Mantis religiosa)
Abb. 40_34: Weinhähnchen (Oecanthus pellucens)
Abb. 40_35: Sandohrwurm (Labidura riparia)
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